Wer seine Meinung zu verschiedenen politischen Aussagen mit der Meinung diverser Parteien vergleichen möchte, geht zum Wahl-o-mat.
Dort kann man sein Ergebnis mit sieben oder acht Parteien seine Wahl vergleichen.
Hier ist mein Ergebnis.

Es ist in etwa so ausgefallen, wie ich es erwartet habe. Was mich allerdings wundert, ist das schlechte Abschneiden der Piraten-Partei, denn ich bin ein Fan der Piraten und unterstütze entschieden ihren Kampf gegen den Überwachungsstaat. Über den Haken bei den Piraten wird später noch zu sprechen sein.
Grün wähle ich schon lange nicht mehr. Sie haben ihren früheren innovativen Elan verloren und sind in der Realpolitik versackt.
Bei den Grünen habe ich immer ein schlechtes Gefühl. Wenn die CDU sich vorstellen kann mit den Grünen eine Koalition zu bilden und dies sogar tut (Grüne-CDU Koalition in Hamburg, Koalitionsverhandlungen im Saarland), dann kann mit den Grünen etwas nicht stimmern.
Ok, sie sind für:
Das klingt alles sehr gut. Positiv aufgefallen ist mir auch folgendes Zitat:
“Das Internet ist oft der letzte Hort der Freiheit in den Diktaturen
unserer Zeit und das einzige Tor zur freien Kommunikation.
Wir GRÜNE wollen eine freie Internetkultur. Diese
wird aber immer öfter bedroht. Staatliche Institutionen und
viele Unternehmen wollen das Internet einschränken, ihm
die Freiheit nehmen. Die Filterung des Datenverkehrs sowie
massenhafte und unbegründete Speicherorgien, wie die
Vorratsdatenspeicherung, lehnen wir strikt ab. Den aktuellen
Vorschlägen zur Einführung von Internetsperrlisten und den
Aufbau einer umfassenden Sperrinfrastruktur erteilen wir eine
klare Absage, da sie rechtsstaatlich und technisch unverantwortlich
sind.”
Es gibt allerdings eine Politikerin der Grünen, die ich überhaupt nicht leiden kann: Renate Künast.
Als Verbraucherschutz-Ministerin der rot-grünen Bundesregierung hat sich als Autorin des Buches:
Die Dickmacher: Warum die Deutschen immer dicker werden und was wir dagegen tun müssen
hervorgetan. Das ist eines dieser üblen Dickenhetzbücher. Was wir dagegen tun müssen, heißt es im Titel. Dick darf man also nicht sein bei den Grünen und das ist ein absolutes KO-Kriterium.
Nichtsdestotrotz habe ich im Wahlprogramm folgende Zitate gefunden:
“Wer Grün wählt zeigt jeder Form von Diskriminierung die rote Karte.”
“Aber Schönheit existiert in allen Größen. Wir wollen einen entspannten und selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper, dem Aussehen und dem Alter. Wer Grün wählt macht Schluss mit dem körperbezogenen Normierungswahn”
Ach tatsächlich? Hat Renate Künast da gerade nicht aufgepasst? Oder gelten den Grünen ihre eigene Sprüche nichts?
Frau Künast ist unlängst negativ als Fischmörderin aufgefallen, anzusehen auf der Homepage der Albert-Schweitzer-Stiftung. Dort steht auch, dass die Grünen im Stadtrat Hannover für ein neues Tierversuchslabor stimmen werden.
Es gibt eben doch einen großen Unterschied zwischen Wahlprogramm und Praxis.
Das reicht für mich, um die Grünen nicht zu wählen. Aber zumindest kann ich es nachvollziehen, wenn andere Menschen sie wählen und deshalb stehen sie bei den Wählbaren.
Die Piraten sind eine Themenpartei. Das ist ihre Stärke, denn sie wissen wovon sie reden. Und das ist gleichzeitig ihre Schwäche, denn viele Themen tauchen in ihrem Wahlprogramm gar nicht erst auf.
Ich kann das Wahlprogramm von vorne bis hinten unterschreiben. Es geht um besseren Datenschutz, um Freiheit, gegen staatliche Überwachung und Kontrolle und Zensur, keine biometrischen Daten und RFID-Chips in Pässen oder sonst wo, mehr Demokratie und Transparenz, keine Patente auf Lebewesen, Saatgut und Gene, gelockertes Urheberrecht und so fort.
Ich hoffe, dass die Piraten viele Stimmen bekommen und vielleicht eines Tages sogar in den Bundestag einziehen. Deutschland und der Rest der Welt braucht Freiheitskämpfer wie die Piraten. Ich hatte sie mit meiner Unterschrift unterstützt, damit sie in Hessen überhaupt kandidieren dürfen.
Zu den Themen, bei denen mir der Wahl-o-mat eine Nichtübereinstimmung mit den Piraten bescheinigt, machen die Piraten gar keine Aussage. Keine Aussage wurde offenbar als Nichtübereinstimmung gewertet. Das betrifft für mich bedeutsame Themen wie Tierschutz und Sozialpolitik. Auf einem Wahlplakat habe ich gelesen, dass sich die Piraten zum Humanismus bekennen. Klingt auf den ersten Blick gut, nur ist Humanismus eine durch und durch atheistische und unspirituelle Weltanschauung, mit der ich mich nicht identifizieren kann.
Ich werde die Piraten daher nicht wählen, wünsche ihnen aber viele Stimmen.
Die LINKE ist das neue soziale Gewissen Deutschlands. Ich habe sie schon einige male gewählt, weil sie die Lobby der armen und schwachen in der Gesellschaft sind. Sie wollen korrigieren, was die rotgrüne Bundesregierung unter Schröder verbockt hat. Das bedeutet u.a. Hartz IV abschaffen und Leiharbeit deutlich reduzieren und die Frist der Arbeitnehmerleihe von zwei Jahre auf sechs Monate reduzieren.
Die Stärkung der Leiharbeit war von Rot-Grün damals als Meilenstein im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit gefeiert worden. In Wirklichkeit schufen sie damit Arbeitnehmer zweiter Klasse, die für einen Bruchteil des Lohns ihrer fest angestellten Kollegen schuften mussten und dabei auch sonst schlechter behandelt wurden. Schaut man sich die Stellenangebote auf der Homepage der Agentur für Arbeit an, so findet man neben Direktmarketing-Angeboten (würg) fast nur Stellenangebote von Zeitarbeitsfirmen.
Banken sollen stark kontrolliert, Sparkassen auf das Gemeinwohl verpflichtet werden. Alle Bürger sollen Anspruch auf ein kostenloses Girokonto haben, richtig so.
Energiewende, Klima- und Umweltschutz, umweltfreundliche Verkehrs- und Landwirtschaftspolitik, Sozialtickets zum Bahnfahren für einkommensschwache Menschen (JAA, her damit), keine neuen Autobahnprojekte, Nachtflugverbot, Subventionierung von Flughäfen beenden.
Einige vielversprechende Zitate aus dem Wahlprogramm:
“DIE LINKE kritisiert seit
langem, dass Unternehmen bezahlte
Lobbyistinnen und Lobbyisten in
Bundesministerien entsenden.
”
“Petitionsrecht bürgernäher und
transparenter gestalten: Sitzungen des
Petitionsausschusses für Bürgerinnen
und Bürger öffnen; die Bedeutung
von Massen- und Sammelpetitionen
stärken und das erforderliche Quorum
für eine öffentliche Anhörung von
50 000 Unterschriften auf 20 000
herabsetzen;”
“DIE LINKE garantiert: Mit uns wird
es nach der Wahl keinerlei Kürzungen
der Sozialleistungen und keine Belastung
von Sozialversicherten geben.
Wir fordern alle anderen Parteien auf,
mit uns in einem überparteilichen
Pakt eine Sozialstaatsgarantie durchzusetzen.
”
“die elektronische Gesundheitskarte
nicht einführen, das Recht auf
informationelle Selbstbestimmung
schützen: mit einem Verzicht den
Zugriff von Gesundheitsdienstleistern,
Pharmafirmen und vor allem Arbeitgebern
auf eine elektronische Krankenakte
langfristig ausschließen, den
kranken Menschen statt den gläsernen
Patienten in den Mittelpunkt solidarischer
Gesundheitspolitik stellen”
“das Recht auf informationelle
Selbstbestimmung der informierten
Bürgerinnen und Bürger verteidigen:
die Vorratsdatenspeicherung beenden;
auf Online-Durchsuchungen
und Zensurmaßnahmen im Internet
verzichten, verdeckte Ermittlungsmethoden
wie Video-, Späh- und Lauschangriffe
und Rasterfahndung abbauen”
“den derzeitig völlig »freien« Drogenmarkt
durch ein Abgabemodell für
Cannabis regulieren, welches den
Besitz, Erwerb, Anbau und Handel
unter Berücksichtigung des Jugendschutzes
legalisiert.
“
Und vieles Gute mehr. Insgesamt gefällt mir das Programm der LINKEN besser als das der GRÜNEN.
Es mag Leute geben, die das alles nicht für realisierbar halten. Richtig, so lange man es im Kopf nicht für realisierbar hält, kann es sich auch nicht in der Wirklichkeit niederschlagen, aber zum Glück gibt es phantasievollere Denker.
Bei wem schon die LINKE aus dem Ereignishorizont fällt, der wird mit der nächsten Partei noch größere Schwierigkeiten haben, dabei haben die Violetten meine volle mentale Unterstützung.
Im Gegensatz zu den Piraten verstehen sich die Violetten als eine spirituelle Partei. Sie treten aber nur in Bayern, Baden-Württemberg und Berlin zur Wahl an, so dass ich sie gar nicht wählen könnte.
Trotzdem sei hier ein kurzer Blick auf die Violetten gewagt.
Sie wirken noch sehr unbeholfen, es gibt kein richtiges Parteiprogramm, nur ein paar sehr allgemeine, nicht konkrete Aussagen. Die sind allerdings sehr unterstützenswert. Die Violetten wollen eine Abkehr von dem rein materialistischen Weltbild, Spiritualität soll und muss auch in der Politik eine Rolle spielen.
Sie sind unter anderem für:
Meine Anmerkungen dazu:
Selbsterkenntnis führt nach der alten hermetischen Regel zur Welterkenntnis. Eine vollkommene Trennung von Kirche und Staat gibt es in Deutschland leider nicht. Die Kirchen mischen sich überall ein, manchmal zum Gute und manchmal zum Schlechten je nachdem, wie man es sieht – die CDU hat diese Einmischung in ihrem Parteiprogramm verankert. Damit soll Schluss sein und das ist gut so. Statt Religionsunterricht sollte es für alle Ethikunterricht geben. Wer eine religiöse Unterweisung haben möchte, sollte dies von seiner Religionsgemeinschaft selbst erhalten.
Die GRÜNEN haben zwar mit der Kirche nichts am Hut, dafür um so mehr mit dem Islam. In ihrem Programm fordern sie eine bessere Integration von Islam in unsere Kultur, also mehr Moscheen, Islamunterricht an Schulen. Auch wenn es Argumente gibt, die dafür sprechen: Islam besser integriert als schwellender Fundamentalismus im Untergrund, so brauche ich neben der Einmischung der Kirche nicht auch noch den Islam.
Das kirchliche Christentum und der Islam sind absolutistische Religionen mit dem Anspruch jeweils die alleinige Wahrheit zu besitzen. Solche intoleranten Glaubenssysteme sind grundsätzlich abzulehnen.
Die Umsetzung der Vision der Violetten setzt einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung voraus. Viele sind schon auf dem rechten Weg, noch mehr aber stecken tief in der Falle aus Konsumterror und leerer Äußerlichkeiten – hier bleibt zu hoffen, dass wir den hundertsten Affen überzeugen, um das morphogenetische Feld um zu programmieren.
Die Vision der Violetten mag vielen unrealistisch erscheinen. In Wahrheit jedoch ist sie der einzige Weg, der uns retten wird.
Das Böse, profitgierige Firmen, die über Leichen gehen, und Politiker, die sich von ihnen korrumpieren lassen, ist sehr stark. Es ist wirklich ein Kampf Gut gegen Böse mit allen Schattierungen dazwischen.
Ich hoffe, dass die Violetten wachsen und sie auch in Hessen wählbar werden. Ich könnte mir sogar vorstellen Mitglied zu werden.
Und endlich, last but not least:
Die Tierschutzpartei besticht durch ihre Plakate. Anstatt irgendwelche Politikerfratzen mit müden Slogans abzubilden sind süße Tierbilder zu sehen.
Während alle Parteien von CDU bis zu den LINKEN (ausgenommen Die Violetten) die Themen Arbeit und Wirtschaft in den Vordergrund stellen und den Menschen dadurch abhängig von Erwerbsarbeit und Wirtschaft machen, appelliert die Tierschutzpartei an das Mitgefühl für unsere Mitgeschöpfe.
Mitgefühl ist nicht nur im Buddhismus der Schlüssel zu Weisheit und Befreiung. Mitgefühl für alle Wesen ist der Weg zurück zur Liebe Gottes, zur göttlichen Alleinheit oder wie immer man es nennen will.
Wie man sich denken kann, steht die Tierschutzpartei für folgendes ein:
Hm, nun bin ich ja Vegetarierin, lebe aber nicht vegan. Ich finde es auch nicht verwerflich, wenn man Kühe zur Milchgewinnung oder Hühner zum Eierlegen hält, so lange die Tiere respekt- und liebevoll behandelt werden. Auch für Schafe, die mit ihrem Hirten über die Wiesen ziehen, kann ich nichts schlimmes entdecken, so lange die Schafe und Lämmer nicht getötet werden und beim Scheren achtsam mit ihnen umgegangen wird.
Die Schließung von Wildparks und Zoos kann ich zwar nachvollziehen, aber dann hätten Wildtiere noch weniger Lebensraum, in dem sie geschützt sind, außerdem besuche ich gerne Wildparks.
Alles in allem gefallen mir die Violetten besser, weil sie als einzige aller Parteien, mehr Spiritualität in die Welt bringen möchten. Da ich die Violetten in Hessen aber nicht wählen kann, wird meine Zweitstimmer wohl an die Tierschutzpartei gehen. Erststimme wahrscheinlich links.
So, jetzt reicht es mir aber mit Politik. Beim nächsten mal kommen wieder persönlichere Themen dran.
]]>Auch dickspeckige Waldamen wie ich sind am 27.September zur Bundestagswahl aufgerufen, denn noch hat man dicken Menschen das Wahlrecht nicht entzogen, obwohl die Dickenhetze in den Medien vermuten lässt, dass man gewichtigen Menschen das Recht auf Menschenwürde versagt hat. Aber das ist eine andere Geschichte, demnächst in diesem Blog ….
Einmal mehr stehe ich vor der Frage, was soll ich wählen? Macht es überhaupt einen Unterschied, ob ich wähle oder nicht? Politiker, Regierungen tun doch sowieso immer das, was ich keinesfalls will. Trotzdem mache ich immer brav meine Kreuzchen, war sogar bei der wenig besuchten Europawahl und schnitt mein politischen Willen in den rotroten Kreis ein.
Bitte nur ein Kreuz, mahnte der Wahlhelfer, als er mir den Wahlzettel damals in die Hand drückte. Ich hielt es für einen Scherz. Ja, ja, jeder nur ein Kreuz wie bei Monty Phyton entgegnete ich lachend. Erst hinter her dämmerte mir, dass der Wahlhelfer nicht in das Leben des Bryan abgeglitten war. Bei der Europawahl gab es nur eine Stimme, bei Landtags- und Bundestagswahlen gibt es zwei.
Zurück zum Thema.
Zunächst möchte ich mich mit dem politischen Gegner befassen, mit den Schwarzen und den Gelben und der Schreckensvision von einer schwarzgelben Koalition.
Werfen Dir doch mal einen Blick in die Wahlprogramme. Das Problem mit Wahlprogrammen ist, und das gilt für alle Parteien, dass sie stets euphemistisch ausformuliert sind und es schwer ist, die wirklichen Absichten unter den schönen Worten heraus zu lesen. Es ist daher empfehlenswert, auch Sekundärliteratur zu Rate zu ziehen.
Wir haben die Kraft prangt es allerorten von den CDU-Wahlplakaten. Oh ja, die CDU hat die Kraft, daran zweifele ich nicht. Fragt sich nur: wozu hat sie die Kraft?
Ich greife mal ein paar Punkte aus dem 94 Seiten langen Wahlprogramm auf.
Thema Verkehr S.21-23
Die CDU will den Verkehrs-Overkill. Noch mehr Straßen, noch mehr und größere Flughäfen, als sei Deutschland nicht schon von einem engen Netz aus Verkehrswegen durchzogen.
Der Luftverkehr ist Mobilitätsfaktor und Jobmotor für Deutschland. Die “Initiative Luftverkerh” hat sich als wichtiges Instrument im Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft bewährt und wird fortgesetzt. Gerade für eine weltweit wettbewerbsfähige Wirtschaft braucht Deutschland ein Netz gut erreichbarer Flughäfen. Wir werden die Kapazitäten der Flughäfen dem zukünftigen Wachstum anpassen.
Was das bedeutet demonstriert Hessenableger Roland Koch mit gewaltiger Deutlichkeit. Gegen den erklärten Bürgerwillen einer gesamten Region wird der Ausbau des Frankfurter Flughafens mit wahnsinniger Kaltschnäuzigkeit voran getrieben. Wie ein Monster-Heuschrecke frisst sich der Flughafen immer weiter durch Wald und Flur und hinterlässt eine Wüste aus totem Beton.
291 Hektar Wald, darunter auch Bannwald, der Anfang der 90er Jahre als Schutz gegen eine erneute Flughafenerweiterung ausgewiesen worden, fiel dem Mordwerkzeug der Holzfäller zum Opfer. Das sind 40% mehr Wald, als für die Startbahn West gefällt wurde.
Und das alles, obwohl es zweifelhaft ist, ob die Fluggast-Zahlen überhaupt in die Höhen wachsen, die von Flughafenbetreibern immer behauptet werden.
Mit Totschlag-Argumenten Wirtschaft und Arbeitsplätze werden alle anderen Bedenken ausgeräumt. Klimaschutz- und Umweltschutz, für die sich Frau Merkel doch angeblich so stark macht, was auch mehrfach im Wahlprogramm betont wird, müssen sich dem Irrglauben an unendliches Wirtschaftswachstum unterordnen.
Thema Mindesteinkommen und Arbeit S.29ff.
Sozial ist, was Arbeit schafft, heißt es im Wahlprogramm. Gleichzeitig spricht sich die CDU gegen Mindestlöhne aus und verkauft Menschen an Dumpinglöhne, die moderne Form der Leibeigenschaft.
Stattdessen spricht die CDU von Mindesteinkommen, will heißen, wer unter Hartz IV-Niveau verdient, kann sich sein Einkommen mit Arbeitslosengeld II aufstocken lassen. Arbeitslosengeld für Arbeitende? Wie abartig ist das denn?
Was ist die Botschaft, die den Menschen vermittelt wird? Deine Arbeitskraft ist es nicht mal Wert, dass wir Dir einen Lohn zahlen, von dem Du gut leben kannst. Stattdessen darfst Du als Bittsteller bei den Behörden vorstellig werden. AlgII beantragen heißt, einen Berg von Formularen abarbeiten, seine Vermögensverhältnisse und Kontoauszüge offen legen, sich immer wieder der Willkür der Sachbearbeiter aussetzen, warten, falsche Berechnungen reklamieren oder fälschlicherweise vorgeladen werden, obwohl man doch schon arbeitet.
Derweil verprassen die Banken lustig weiter ihre staatsgeschenkten Milliarden, für die natürlich der Steuerzahler aufkommen muss. Hauptsache Aktienkurs, Dividende und Abfindung für Missmanagement stimmen.
Das Vermögen ist falsch verteilt und eine zu große Schere zwischen arm und reich ist schlecht für ein Gemeinwesen.
Bürgerkontrolle
Als ich das Plakat sah, als ich mit Frank im Auto durch Hannover fuhr, imitierte ich mit den Armen einen Maschinenpistole und presste Schußlaute aus meiner Kehle.
Da sitzt eine nachdenklicher Bundesinnenminister Schäuble über eine Zeitung gebeugt und in großen Lettern steht neben ihm: SICHERHEIT UND FREIHEIT.
In dem Sci Fi Film “They Live” haben kapitalistisch gesinnte Außerirdische die Erde infiltriet und bombadieren die Menschen allseits mit versteckten Botschaften wie: Kaufe und Gehorche. Diese Botschaften kann man nur durchschauen, wenn man eine spezielle Brille trägt.
Wenn ich meine Brille aufziehe, lese ich hinter dem CDU-Slogan: SICHERHEIT für die Regierung und UNFREIHEIT für die Bevölkerung.
Mit dem Argument eines nicht vorhandenen Terrorismus will die CDU eine immer stärkere Kontrolle der Bürger durchsetzen. Stichworte sind hier Online-Durchsuchung, biometrische Daten in Pass und Personalausweiß, Internetzensur und nicht zu letzt die elektronische Gesundheitskarte, die uns alle zu gläsernen Patienten machen soll. Gerade im Zusammenhang mit Gesundheit als Ersatzreligion ist die elektronische Gesundheitskarte besonders gefährlich.
Hier zur Entspannung das Video: “Du bist Terrorist”
Überhaupt nicht mehr zum Lachen ist die neue Funkerkennungstechnologie RFID, von der ich erstmals im CDU-Wahlprogramm erfahren habe. Ich habe im Internet nach Informationen darüber gesucht, das meiste ist begeistertes Technogebabbel. Doch meine Intuition ließ meinen Magen Karussell fahren. RFID ist eine Technologie des Bösen, alle anderen Formulierungen währen euphemistisch. RFID führt zur totalen Verhaltenskontrolle:
Entdeckt haben die Forscher auch die Furcht vor einem “technologischen Paternalismus”: Das sei wie bei neueren Autos, in denen die Anschnallpflicht mit einem nervenden Pfeifton durchgesetzt würde, erläuterte Spiekermann den Begriff. Künftig werde etwa das in der Bibliothek falsch ins Regal eingeräumte Buch laut piepsen und auch die versehentlich in den Haushaltsmüll entsorgte Batterie Alarm schlagen. Ihrer Ansicht nach sind die Geschäftsmodelle der RFID-Verfechter auf eine solche Sanktionierung durch die Radio Frequency Identification ausgerichtet.
zitiert nach: http://www.heise.de/newsticker/RFID-Furcht-vor-technologischem-Paternalismus–/meldung/51754
RFID-Chips sollen an Waren angebracht sein, so dass die Gefahr besteht, kontrollieren zu können, wer was wann kauft und benutzt.
Im Wahlprogramm der CDU steht zu diesem wichtigen Thema nur ein kleiner Satz:
Bei der Einführung von Funkerkennungsetiketten (RFID) gewährleisten wir den Datenschutz.
Die Wirklichkeit sieht anders aus:
Die zusätzliche Aufforderung an die Bundesregierung, möglichst rasch eine Sachverständigenkommission einzusetzen, die Empfehlungen für den Gesetzgeber erarbeiten soll, trifft sich mit den Vorstellungen des Bundesdatenschutzbeauftragten. Er hatte bereits eine Ergänzung des Datenschutzrechts gefordert. Die bisherige Haltung der Bundesregierung lässt allerdings nicht vermuten, dass sie diesen Forderungen folgen wird: In der Antwort auf eine kleine Anfrage der FDP hat sie gerade verlauten lassen, dass für sie “kein ergänzender datenschutzrechtlicher Regelungsbedarf erkennbar” sei.
zitiert nach: http://www.heise.de/newsticker/Sachverstaendige-warnen-vor-moeglicher-Ueberwachung-durch-Funketiketten–/meldung/48030
siehe auch: http://www.heise.de/newsticker/Bundesregierung-sieht-keinen-Regelungsbedarf-bei-RFIDs–/meldung/47743
Es wird noch weiter gehen. Man muss nicht hellsichtig sein, um zu wissen, was kommen wird:
Jedem Menschen wird ein RFID-Chip unter die Haut gepflanzt werden. Die absolute Kontrolle der Menschen, wie man sie aus düsteren Zukunftsprognosen kennt, ist dann Realität. Es ist zu vermuten, dass die Chips über eine Massenimpfung in den Körper gelangen. Dazu dient das Erfinden angeblich gefährlicher neuer Virenstämme, gegen die unbedingt geimpft werden muss. Das hysterische Getue um die Schweinegrippe kann man als Testlauf ansehen.
Wer CDU wählt, wählt Unfreiheit, Tierquälerei, Lohndumping.
Koalitionswunschpartner der CDU. Intimfeind der CSU, die Angst hat, die FDP könnte ihr Ministerposten wegnehmen.
Thema Freiheit
Freiheit trägt die FDP schon im Namen und tatsächlich unterscheidet sie sich von der CDU in diesem Thema.
Auf Seite 26 des Wahlprogramms steht:
Eine Gesellschaft ist nicht freier, je intensiver ihre Bürger überwacht, kontrolliert und beobachtet werden. [...]
In den letzten elf Jahren haben die Regierungen gegen den Widerstand der FDP immer mehr Freiheitsbeschränkungen durchgesetzt. [...] Seit 1998 hat ein dramatischer Abbau von Bürgerrechten statt gefunden.
Und weiter:
Datenschutz gehört ins Grundgesetz. Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung muss im Grundgesetz ausdrücklich verankert werden.
Sehr lobenswert, aber das war dann auch schon alles Gute. Mehr noch als die CDU steht die FDP für einen profitorientierten Kapitalismus.
Leistung, Leistung, Leistung
Zitate aus dem Wahlprogramm:
“Die FDP ist der Anwalt der Mitte der Gesellschaft. Die Mitte steht gegen Extreme, aber sie ist mehr als etwas zwischen links und rechts. Sie ist vor allem eines: eine Grundhaltung. Für sie sind Leistungsbereitschaft, Fleiß und Aufstiegswille keine Fremdwörter. Ihr Denken in Generationen und sozialen Zusammenhängen, ihr Verantwortungsbewusstsein und ihr Fleiß, ihre Eigenverantwortung und der starke Leistungswille sind das Fundament unserer Gesellschaft.” [Fettdruck von mir]
Seite 3
“Leistung muss sich lohnen”[sic:Fettdruck im Original]
Seite 4
“Gemeinsam mit dem leistungsgerechten Bürgergeld folgt dieses Gesamtsteuer- und Transfersystem durchgehend den Prinzipien der Leistungsgerechtigkeit und Leistungsbelohnung und vermeidet Missbrauch zu Lasten der Bürgergemeinschaft.”
[Fettdruck von mir] Seite
“Bequemlichkeit hornorieren wir nicht” Seite 6
Wohl in keinem anderen Wahlprogramm kommt das Wort Leistung in allen erdenklichen Varianten so oft vor wie bei der FDP.
Doch welche Leistung soll hier belohnt werden? Sicher nicht die kreative Schöpfung eines Gemäldes, Kleides oder anderer kleinen Dinge, die das Leben verschönern, auch nicht die Arbeit in einer Suppenküche für Obdachlose, die Betreuung verstoßener Tiere oder der Kampf für mehr Tier- und Menschenrechte.
Auch der Wachmann eines privaten Sicherheitsdienstes, die Friseuse oder Klofrau dürfen nicht auf eine Belohnung ihrer Leistung hoffen, denn Mindestlöhne gibt es mit der FDP nicht.
Wer hier belohnt werden soll, sind die Karrieristen, die sich nach oben boxen, die Wirtschaftselite, die auf den Normalbürger als Minderleister herab sieht.
Der Kapitalismus ist extrem selektiv in den Begabungen, die als Leistung anerkannt und belohnt werden. Verkaufen, verkaufen, verkaufen, ein Produkt, eine Meinung, das öffentliche Bild eines Unternehmens und so fort.
Leistungsdruck, steigende Arbeitszeiten, Schichtarbeit, Hyperflexibilität – der Wert eines Menschen wird bemessen an seinem Leistungswillen und Leistungsfähigkeit in der Erwerbsarbeit. Der Sinn des Lebens ist die Arbeit.
Dafür steht die FDP und ich komme aus dem Würgen nicht mehr heraus. Viele Menschen leiden unter ihrer Arbeit, man braucht nur mal den Gesprächen in einer S-Bahn zu lauschen. Einer erhebliche Zahl davon wird krank: Burn out, Depression, psychosomatische Krankheiten, oder versteigen sich in ihrem Durchhaltewillen zur Einnahme von Psychopharmaka, Ritalin, Prozac, Amphetamine. Neurodoping nennt man das.
Seltsamerweise geht es der FDP gut in der Krise. Dabei waren doch gerade profitgierige, unkontrollierte Finanzjongleure, welche die Krise verursachten und zur Klientel der FDP gehören.
Zu diesem Thema habe ich einen Kommentar bei Welt online gefunden.
Industrielle Landwirtschaft
Die FDP fordert mehr Forschung in der Landwirtschaft und eine zweite grüne Revolution auf dem Acker.
Damit ist Gentechnik und der Einsatz von Produkten eines Konzerns wie Monsanto gemeint, der z.B. Saatgut verkauft, welches so manipuliert ist, dass es sich selbst nicht mehr reproduzieren kann. Zweifellos gehört Monsanto auf die Seite des Bösen. So war Monsanto auch Hersteller von Agent Orange, ein Gift, dass im Vietnamkrieg zur Entlaubung der Wälder verwendet wurde. Ziel von Monsanto ist es, die Landwirtschaft unter seine Kontrolle zu bringen.
Zitat aus dem Wahlprogramm Seite 25:
“Der Klimawandel führt zur Ausbreitung bisher unbekannter Schadorganismen (Blauzungenkrankheit, Maiswurzelbohrer). Die Agrarforschung muss darauf vorbereitet sein und rechtzeitig Bekämpfungsstrategien entwickeln.”
Die Blauzungenkrankheit befällt Kühe. Die schulmedizinische Bekämpfungsstrategie besteht aus einer Massenimpfung aller Kühe. Diese Impfung ist jedoch gefährlich, da in vielen Fällen Impfschäden auftreten. Bauern, die ihre Kühe nicht impfen lassen wollen, werden unter Polizeigewalt dazu gezwungen.
Diese Impfung schadet mehr als das sie nützt und es ist unwahrscheinlich, dass eine natur-vergewaltigende Agrarforschung a la Monsanto eine Bekämpfungsstrategie entwickeln kann, die gut für Tier und Mensch ist.
Noch ein Zitat Seite 25:
“Die FDP tritt für eine effiziente und nachhaltige High-Tech-Landwirtschaft ein.”
[sic: Fettdruck im Original]
Das bedeutet wohl nichts anderes als die Vernichtung der bäuerlichen Landwirtschaft zu Gunsten einer industriellen Landwirtschaft mit Gentechnik, patentierten Lebewesen und noch mehr Tierquälerei durch Massentierhaltung.
Arbeiten bis der Arzt kommt, Tierquälerei, soziale Unsicherheit, Gentechnik in der Nahrung, das alles bekommt man, wenn man FDP wählt.
Von Gerhard Schröders Verrat an der sozialen Sache hat sich die SPD bis heute nicht erholt. Schröder hat seine Wähler, zu denen ich auch gehörte, verarscht. Stichworte: Hartz-Gesetze und Agenda 2010.
Fördern und Fordern heißt es seither bei der Behandlung von Arbeitslosen. Ein Motto, das die CDU auch in ihrem Wahlprogramm verkündet. Dieser Satz jagt meine Magensäure die Speiseröhre hinauf.
HartzIV ist kein Gesetz gegen die Arbeitslosigkeit sondern ein Gesetz gegen Arbeitslose. Es geht nicht darum, gemeinsam mit dem HartzIV-Bezieher die individuelle Zukunft zu planen und zu verwirklichen und einen Arbeitsplatz zu finden, der zu dem Bewerber passt. Es geht nur darum, den Sozialschmarotzer zu beherrschen und so schnell wie möglich in einen dreckigen Job rein zu drücken. Wer aufmuckt bekommt die Bezüge gekürzt. Wer gerade nicht vermittelt werden kann, wird in so genannte Maßnahmen gesteckt, oft gegen den Willen der Betroffenen und meistens ohne Sinn oder Verbesserung der Vermittlungschancen. Wer so eine Maßnahme nicht freiwillig macht, wird sowieso höchstens körperlich anwesend sein und das Geschwafel geistig boykottieren, wenn er sich nicht gleich krankschreiben lässt.
Sicher sind einige SPD-Wähler zu den LINKEN abgewandert.
Als Koalitionspartner der CDU hat die SPD viele Fehlentscheidungen der CDU mit getragen. Ich denke hier an Internetzensur, online-Durchsuchung, elektronische Gesundheitskarte.
Dennoch ist die SPD auf jeden Fall der CDU vorzuziehen. Etliche Punkte aus dem Programm der Sozialdemokraten findet meine Zustimmung:
Das sind erhebliche Unterschiede gegenüber CDU und FDP, aber offenbar gelingt es Frank Walter Steinmeier nicht, sich von der CDU abzusetzen und sein eigenes Profil zu verdeutlichen. Wie ich gehört habe, soll das TV-Duell Merkel versus Steinmeier eher wie eine Koalitionssitzung als wie ein Wahlkampf-Duell abgelaufen sein.
Mit seinem Deutschland-Plan: Vollbeschäftigung 2020 lehnt er sich zu weit aus dem Fenster und wird unglaubwürdig.
Schwammig bleibt die Aussage zum Thema Sicherheit vor Freiheit:
“Unsere Gesetze, die mit Grundrechtseingriffen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus verbunden sind, werden wir regelmäßig auf Verhältnismäßigkeit und Erforderlichkeit überprüfen.” Wahlprogramm Seite 71
Internationaler Terrorismus? Ja wo ist er nur? Grundrechtseingriffe? Nein Danke!
Immerhin spricht sich die SPD für ein verbessertes Tierschutzgesetz aus, ebenso für Volksentscheide auf Bundesebene, ein gesetzliches Lobby-Register, Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel-
Nur ein kleiner Absatz ist der Landwirtschaft gewidmet, zu diesem Thema haben CDU und FDP weit mehr geschrieben, dabei ist es ein wichtiges Thema, da die Landwirtschaft die Basis aller Wirtschaften ist und unsere Lebensgrundlage produziert. So bleiben viele Fragen offen.
Insgesamt hat die SPD mildere Ansätze als CDU und FDP, etwas weniger von allem: weniger Kapitalismus, weniger Gentechnik, weniger Tierquälerei, weniger Lohndumping, weniger Atomkraft, weniger Überwachung.
Aber das alles ist mir zu wenig, es geht mir nicht weit genug.
Wer SPD wählt, wählt ein wenig von allem.
Fortsetzung folgt; Teil 2: Die Wählbaren
]]>Während man im Christentum das Leben toll zu finden hat, weil es von Gott geschenkt wurde, ist es Ziel des Buddhismus den Menschen aus dem Leben zu befreien. Hiermit ging ich sogleich in Resonanz, ebenso mit dem Glauben an Wiedergeburt und Karma. Auch beeindruckte mich das Mitgefühl für alle Wesen, was Tiere und Pflanzen einschließt, während das christliche Mensch-Krone-der-Schöpfung- und Mache-dir-Erde-Untertan-Denken eine der Wurzeln allen Übels ist. Nächstenliebe gilt nur für Menschen, Mitleid für Tiere ist ein Luxus und nicht weiter wichtig. Die Tierliebe eines Franz von Assisi ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Bei Raven las ich ein Einführungsbuch in den Buddhismus, welches sich speziell an den westlichen Leser wendet und den Kern dieser Religion, geschält von jeglicher asiatischer Kultur, präsentiert:
“Die Grundgedanken des Buddhismus” von Verena Reichle
Hier kann ich allen Grundsätzen zustimmen. Es ist klar, dass jedes buddhistische Land in Asien, die Religion mit eigener Folklore und eigenen Göttern vermischt hat, die mir als Europäerin fremd sind und mit denen ich nicht Resonanz gehe, doch der Kern der Lehre ist universal und unabhängig von der Herkunft für jeden annehmbar, der es denn will.
Die vier edlen Wahrheiten und der achtfache Pfad
Wie es auch der Dalai Lama im Waldstadion gesagt hat: Die Grundlage des Buddhismus ist die gegenseitige Bedingtheit allen Seins. Alles steht miteinander in Beziehung, eine Tat hier kann Auswirkungen an ganz anderer Stelle haben. Jede Tat fällt auf den Handelnden zurück, das ist Karma.
Darüber hinaus sind die Basis des Buddhismus, die vier edlen Wahrheiten über das Dasein und der achtfache Pfad, wie man dem Rad der Wiedergeburt entkommen kann.
Die vier edlen Wahrheiten:
Soweit stimme ich dem Buddhismus zu, wenn ich das Nirvana auch anders formulieren würde, Absolute Einheit oder ganz einfach Gott. Wobei hier schon das erste Problem auftritt, denn es gibt im Buddhismus nicht wirklich einen Gott, nur viele Götter, die den Ursprungskulturen der buddhistischen Länder entspringen und integriert wurden.
Der edle achtfache Pfad
Ein wahrhaft edler Pfad, schwierig zu beschreiten, aber voller Einsicht. Am besten gefällt mir der Punkt zum rechten Lebenserwerb. Würde dieser Punkt mehr Beachtung finden, könnten wir das Leid von Tieren und Menschen um ein Vielfaches reduzieren.
Hier habe ich tiefen Respekt vor dem Buddhismus. Ich kenne keine andere Religion, die alle Lebewesen in ihren Schutz mit einbezieht. Sonst sind Religionen immer nur für Menschen gemacht.
Karma
Vor zwanzig Jahren glaubte ich noch nicht an die Wiedergeburt. Wenn man sich eh nicht an frühere Leben erinnern kann, was hat man dann davon, dachte ich ganz naiv. Trotzdem ertappte ich mich dabei, wie manchmal dachte: hm, das wird dieses Leben nichts mehr, dann eben beim nächsten mal. Äh, welches nächste mal?
Erst durch die Begegnung mit Raven Mitte der Neunziger Jahre, die an Reinkarnation glaubte, keimte auch in mir die Überzeugung auf, dass es unüberbrückbaren Unterschiede zwischen den Menschen gibt, die sich mit der üblichen Gene-Umwelt-Kombi als Entstehungsbedingungen der Persönlichkeit, nicht erklären lassen. Nur in Karma und Wiedergeburt fand ich eine schlüssige Erklärung, warum z.B. einige Menschen ins buddhistische Kloster gehen, während andere mich mit ihrer materialistischen Oberflächlichkeit zum Erstaunen brachten.
Karma ist das Prinzip von Ursache und Wirkung. Durch die gegenseitige Bedingtheit allen Daseins hat jede noch so kleine Handlung Auswirkungen im Netz der Existenz, vor allem aber muss ich die Konsequenzen meiner Taten tragen. Irgendwann, sei es im aktuellen oder in einem der nächsten Leben werden meine Taten auf mich zurück fallen, im Guten wie im Schlechten. Wichtig dabei ist auch, in welcher Geisteshaltung eine Tat vollbracht wurde, mit guter oder schlechter Absicht. Wenn ich jemanden ermorde, werde ich im nächsten Leben vielleicht selbst ermordet. Wenn ich ein Leben voller Mitgefühl lebe, werde ich unter glücklichen Umständen wieder geboren.
Jeder muss Verantwortung für sein Tun übernehmen, aber es geht nicht darum, jemanden zu verhöhnen, wenn ihm Schlechtes widerfährt: Hö, hö selber schuld.
Jeder Mensch hat sein Karmapäckchen zu tragen und jeder Mensch verdient unser Mitgefühl.
Die Karmalehre sagt, es gibt keine Zufälle. Wenn jemand bei einem Busunglück als einziger stirbt oder überlebt, dann haben wir es mit Karma zu tun.
Das Karmageflecht ist so fein und kompliziert miteinander verwoben, dass wir nie hinter die Gesetzmäßigkeiten kommen werden.
Das Buch Karma, Herausgegeben von Alfred Weil ist eine Sammlung buddhistischer Aufsätze über Karma. Auch wenn mein Karmaglaube aus der westlichen Esoterik kommt, so stimme ich mit dem buddhistischen Ansatz überein. Einen Unterschied gibt es jedoch. Im Westen wird mehr Gewicht gelegt auf eine persönliche Lebensaufgabe, individuelle Aufgaben, die es zu lernen und zu lehren gilt.
Wiedergeburt und (nicht)Seele
Das Karma macht natürlich keinen Sinn ohne die Wiedergeburt. Und da kommen wir zum großen Kasus knaxus.
Ich glaube, dass sich die Seele als Wesenskern und Erinnerungsspeicher (auch wenn kam keinen Zugang zu den Erinnerungen hat) reinkarniert.
Im Buddhismus heißt es jedoch, es gebe gar keine Seele. Die Wiedergeburt ist mehr eine Folge der Anhaftung an das leibliche Dasein, welche den Geist wieder in einen Körper zieht. Je mehr ich versuche, das zu verstehen und je mehr Quellen ich zu Rate ziehe, desto verwirrter werde ich.
Verena Reichle schreibt in ihren Grundgedanken zum Buddhismus, die Seelenlosigkeit sei ein Missverständnis und es gebe doch eine Seele im Buddhismus. Auch Dr.Lautwein erklärt in seinem Blog, der Buddhismus kenne doch eine Seele, nur gibt es kein unwandelbares Ich.
Auf satinanda.de heißt es:
“Die Upanisaden (altindische Schrift) behaupten eine ewige Seele (atman), die die Kette der Wiedergeburt durchwandert. Der Buddha hingegen bestreitet die Existenz einer solchen Seele und stellt als Gegenthese eine Nichtseelen-Lehre (anatman) auf. Die Wiedergeburt vollzieht sich ohne Seelenwanderung als Bedingtes Entstehen.”
Das ist entscheidend. Ich glaube an atman, und wenn der Buddhismus eine anatman-Lehre ist, dann kann ich mich nie zu Buddha bekennen.
Mehr noch glaube ich an die Allbeseeltheit aller Dinge und an eine Welt- oder Überseele, in der das Göttliche wirkt.
Hier folge ich der Lehre Giordano Brunos und den Erkenntnissen aus den vedischen (altindischen) Schriften, wie sie Armin Risi in seinem Buch Gott und Götter beschreibt. Nie zuvor habe ich eine solch überzeugende Kosmologie kennen gelernt wie in diesem Buch. Diese hier darzulegen würde allerdings den Rahmen dieses Blogeintrages sprengen.
Es gibt noch ein weiteres Problem mit der buddhistischen Wiedergeburtslehre. Danach ist es ein Glücksfall, wenn man als Mensch wiedergeboren wird. Insgesamt gibt es sechs Bereiche, in denen eine Wiederverkörperung möglich ist:
Eine Hölle war das letzte, was ich im Buddhismus erwartet hätte. Über den Höllenglauben der Christenheit habe ich immer gelächelt und nun kommt der Buddhismus auch damit an. Kann den ein Leben als Mensch nicht Hölle genug sein? Eine Frau in Afghanistan, ein Kindersoldat in Afrika, ein Leben in der Hungerzone oder Bürgerkrieg, ist das nicht genug Leid, um schlechtem Karma Genüge zu tun?
Hier finde ich den Buddhismus unerbitterlich, unbarmherzig und grausam. Es heißt sogar, nur selten habe man das Privileg als Mensch wiedergeboren zu werden und am Ausstieg aus dem Samsara arbeiten zu können. Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung kann das heute kaum mehr stimmen.
Sicher, nur weil mir etwas nicht gefällt, heißt es nicht, dass es so nicht sein kann. Aber da wir hier im Bereich des Glaubens sind, ich kann das alles nicht glauben.
Und das bin ich auch schon beim nächsten Problem:
Einer fehlt: Gott
Ich bin ein entschiedener Gegner der monotheistischen Religionen mit ihrem absolutistischen Anspruch auf die alleinige Wahrheit, und es ist eine sehr sympathischer Zug des Buddhismus eben dies nicht für sich zu beanspruchen. Buddhisten sind immer offen für den Dialog mit anderen Religionen und Nicht-Buddhisten sind ihren Pagoden, bei ihren Festen und in ihrem Meditationskursen immer herzlich willkommen. In Hannover hatte ich ja schon die herzliche Gastfreundschaft in der dortigen Pagode genossen.
Man orientiert sich eher an den Gemeinsamkeiten mit dem Christentum als an den Unterschieden.
Ich komme aus dem Heidentum, bin polytheistisch und pantheistisch orientiert. Gerade deshalb sind für mich Götter keine Wesen, die sich stolz in ihrem Glückszustand suhlen und am Ende wieder von Samsara eingeholt werden.
Außerdem glaube ich, dass sich hinter dem Götterpantheon noch das Absolute Eine, die Alleinheit oder schlichtweg Gott verbirgt, ein für unseren Verstand unerfaßbarer Schöpfergott. Hier komme ich wieder auf Armin Risis Gott und Götter zurück. In der von ihm beschriebenen Kosmologie haben alle Platz, meine germanischen Götter, Ravens ägyptische Götter, Giordano Brunos Absolutes Eine und auch der Buddhismus.
Viele sehen es als Vorteil, dass man im Buddhismus nicht blind glauben muss. Buddha selbst empfiehlt seinen Schülern, nicht einfach alles hinzunehmen, was er sagt sondern stets zu prüfen, ob man etwas selbst als wahr erachten kann. Ein sehr sympathischer Zug Buddhas.
Durch Meditation und spirituelle Praxis kann man selbst Erkenntnis über die Welt erlangen und man kann es aus eigener Kraft schaffen, sich aus dem Samsara zu befreien. Man ist nicht auf die Gnade eines Gottes angewiesen.
Das Fehlen göttlicher Gnade kann aber auch als Nachteil gesehen werden, denn man ist ganz auf sich allein gestellt. Es gibt zwar Meister, Heilige und Bodhisattvas, die einen unterstützen, aber schaffen muss man es von selbst.
In Gott und Götter gibt es beides. Jeder kann selbst daran arbeiten, sein Ego abzulegen und die Maya zu durchschauen, entscheidend ist jedoch die Liebe Gottes und die Liebe zu allen Wesen im Herzen zu fühlen und aus zu strahlen.
Liebe und Mitgefühl zu allen Wesen, das will auch der Buddhismus und das will auch Jesus. Es gibt so viele verschiedene Weg, aber das Ziel ist immer das selbe. Hier schließt sich der Kreis.
Frauen
Man kann es drehen und wenden wie man will, man kann versuchen, es schön zu reden, aber der Fakt bleibt, der ursprüngliche Buddhismus ist eine Männerreligion. Schlechteres Karma führt zur Wiedergeburt als Frau und wenn man sich aus dem Samsara befreien will, ist man besser ein Mann.
Als seine Tante Buddha anflehte, auch Frauen die Ordination als Nonne zu erlauben, lehnte er mehrmals ab und gab erst nach, als sein Lieblingsschüler sich für seine Tante verwendete. Danach seufzte Buddha, ohne Nonnen würde seine Lehre Tausend Jahre überdauern, aber mit Frauen seien es nur noch 500 Jahre. In Wirklichkeit sind es 2500 Jahre, ob es wohl an den Frauen liegt?
Nonnen müssen sich mehr Regeln als Mönche unterwerfen und vor allem müssen sie selbst dem jüngsten Mönch gegenüber Respekt bezeugen, umgekehrt natürlich nicht.
Hier ist Buddha ganz Kind seiner patriarchalischen Zeit und ich frage mich, wie erleuchtet kann er wirklich gewesen sein, wenn er sich so frauenfeindlich verhält? Hier wird Buddha für mich unglaubwürdig und hier verliere ich allen Respekt vor Buddha.
Wenn Frauen heute im westlichen Buddhismus eine guten Stand haben, dann liegt es an der westlichen Emanzipation. Nonnen und weibliche Laien in Asien kämpfen immer noch um Gleichberechtigung. Seit Buddhas Zeiten hat sich natürlich viel verändert.
Tiere
Ganz anders sieht es mit Tieren aus.
Wo die christliche Nächstenliebe nur für Menschen gilt, gilt das buddhistische Mitgefühl für alle Lebewesen.
Schlechte Behandlung und Töten von Tieren führt zu schlechtem Karma, Schlachterei gilt als unrechter Lebenserwerb. Wer kennt nicht die rührenden Berichte über buddhistische Mönche, die ihr Trinkwasser filtern, um die Kleinstlebewesen darin vor dem Tod im heißen Menschenschlund zu retten?
Im tibetischen Totenbuch heißt es, das Erleben des Bardo (Übergangsphase zwischen Tod und Wiedergeburt) hänge von der vergangenen Lebensweise ab.
So schreibt Sogyal Rinpoche in Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben:
“So sagt man zum Beispiel in Tibet, dass Metzger, Jäger und Fischer von monströsen Exemplaren ihrer früheren Opfer gejagt werden.”
Man könnte denken, alle Buddhisten seien Vegetarier. Schön wäre es.
In der FAQ der Frankfurter Pagode Phathue heißt es auf die Frage: Muss jeder Buddhist Vegetarier werden?
“Ein Buddhist muss nicht unbedingt auch Vegetarier sein. Man sollte auf keinen Fall selbst Tiere töten, darf aber Fleisch essen. “
Wie verbogen ist das denn? In dem ich Fleisch esse, schaffe ich doch erst die Bedingung, dass Tiere zum Verzehr getötet werden! In dem ich Fleisch esse, trage ich eine Mitschuld am qualvollen Leben in der Massentierhaltung und dem grausamen Ende.
Immerhin heißt es weiter:
“Wenn unsere Barmherzigkeit größer wird und wir stärkeres Mitgefühl für andere Lebewesen empfinden, werden wir uns entscheiden, kein Fleisch mehr zu essen. Denn wir erkennen, dass für die Befriedigung unserer sinnlichen Begierde, Lebewesen sterben müssen.”
Dennoch, mir ist der Buddhismus in dieser Frage nicht konsequent genug.
Fazit
Ich hätte gerne endlich eine religiöse Heimat gefunden und in Gemeinschaft mit Gleichgläubigen gelebt. Der Buddhismus schien mir ein vielversprechender Kandidat zu sein, aber letztlich gibt es doch zu viele Unterschiede zwischen der Lehre Buddhas und meiner innersten Überzeugung. Erschwerend kommt hinzu, dass ich mit dem asiatischen Drumherum nicht so viel anfangen kann, ich bin und bleibe ein verwurzelte Europäerin. Nach dieser Jumboportion Buddhismus schwirrt mir der Kopf.
Dennoch bleibe ich eine Sympathisantin des Buddhismus. Die Deutsche Buddhistische Union strebt die Anerkennung als Religionsgemeinschaft an. Dieses Ansinnen unterstütze ich, in dem ich assoziiertes, will heißen kostenfreies, Mitglied geworden bin. Je mehr Mitglieder die Union hat, desto besser kann sie die Anerkennung erwerben.
Wahrscheinlich werde ich auch mal ein Fest in der Frankfurter Pagode besuchen oder einen Meditationskurs im Tibethaus. Es ist das Verdienst des Buddhismus, dass ich angefangen habe zu meditieren. Ich muss etwas für mein Seelenheil tun.
Also, trotz allem Genörgel, Buddhismus ist eine gute Sache!
]]>30.Juli 2009, Donnerstag
Müde krochen wir um 07:00 morgens aus unseren Betten. Ich würgte ein Brötchen hinunter und nahm ein zweites Brötchen als Proviant sowie eine kleine Wasserflasche mit.
Die S-Bahn um 08:15 brachte uns in wenigen Minuten zur Haltestelle Stadion. Auch andere Personen, darunter viele Holländer, die aussahen, als wollten sie zum Daila Lama, stiegen ein. Von der Haltestelle Stadion aus mussten wir noch ein ganzes Stück gehen, bis wir zum Eingang des Geländes gelangten. Dort war eine Taschenkontrolle angesagt, die einerseits nicht sehr gründlich war, so wurde über meinen Rucksack meine Handtasche vergessen, andererseits aber sehr penibel war, wenn es um Essen und Getränke ging. Alle Flaschen mussten in die bereit gestellten Mülleimer geworfen werden (man denke an die Verluste durch Pfand). Thermoskannen wurden in einem winzigen Häuschen verschlossen.
Grund dieser unseligen Aktion ist natürlich die Profitgier. Die Besucher sollen genötigt werden, überteuerte Getränke im Stadion zu kaufen, an diesem heißen Sommertag eine sichere Einnahmequelle. Dieses Profitstreben passt natürlich nicht zum Buddhismus, aber die Veranstalter können nichts dafür, das sind Vorgaben des Veranstaltungsortes. Dennoch überschattete dieses Gebahren die ganze Veranstaltung.
Ich weigerte mich, meine Flasche weg zu werfen, zückte meinen Schwerbehindertenausweis und erklärte, ich brauche mein Wasser zur Medikamenteneinnahme, was auch den Tatsachen entsprach. Zähneknirschend ließ man mich mit Wasserflasche passieren.
Auf dem Gelände tummelten sich Menschenmengen. Raven entdeckte eine weitere Besonderheit: Getränke und Essen konnte man nicht bar bezahlen. Vielmehr musste man bei Trägern eines grünen T-Shirts eine Chipkarte erwerben und diese gegen Zahlung eines beliebigen Betrages aufladen. Erst dachte ich: Noch so eine Unannehmlichkeit, aber nein, denn so geht das Bezahlen viel schneller als mit Bargeld und die Wartezeit wird verkürzt.
Irgendwie bekamen wir mit, dass unser print@home Ticket nicht ausreichte, um in das Stadion zu gelangen, nein, wir mussten uns an eine lange Schlange anstellen, um ein gelbes Ticket mit der Aufschrift: Zugangsberechtigung zum Stadion – Nur gültig in Verbindung mit Ihrem print@home Ticket zu erhalten. Weshalb, wieso, warum? Ein Sinn des ganzen war nicht erkennbar.
Die Flaschen-Vernichtungsaktion am Eingang zeigte derweil Erfolg. Raven kaufte sich einen 0,5 Liter Becher Apfelschorle für 3,70€, kleinere Getränke gab es nicht.
Am Eingang zum Stadiongebäude mussten wir nochmal eine Kontrolle passieren. Wieder musste ich mein Sprüchlein aufsagen und mit meinem Behindertenausweis schwenken. Diesmal wurde sogar mein Brötchen entdeckt und ich musste es wegwerfen! Nahrung wegwerfen, was für eine Schande! Was für ein Zeichen dieses dunklen Zeitalters!
Noch schlimmer traf es jedoch Raven, denn sie durfte ihr eben gekauftes Getränk nicht mit ins Stadion nehmen, entweder schnell in sich reinwürgen oder wegschütten. ??? Was sollte denn dieser Schwachsinn? Im Stadion selbst gab es einen Verkaufsstand für Getränke. Grund kann also nur sein, dass die Verkäufer auf dem Gelände in Konkurrenz stehen zu Verkäufern im Stadion und dass die Stadionverkäufer das Monopol auf Getränke im Stadion haben. Was für ein Schwachsinn, Ausgeburt des Kapitalismus, ein denkbar unbuddhistischer Auftakt zu einer buddhistischen Veranstaltung.
Wir hatten Plätze auf der Osttribüne gebucht. Die Bühne mit dem Thron des Daila Lamas lag auf der anderen Seite vor der Westtribüne, so weit von uns entfernt, dass die Menschen dort klein wie Playmobil-Männchen wirkten. Nur über große Bildschirme konnte man das Treiben auf der Bühne erkennen.
Die Osttribüne war ziemlich voll, während auf Haupt- und Gegentribüne nur vereinzelt jemand saß. Viele saßen auf den Stuhlreihen auf dem Fußballrasen, aber insgesamt wirkte das Stadion leer und überdimensioniert. Gar nicht auszudenken wie übervölkert das Gelände bei einem ausverkauften Stadion gewesen wäre. Hatten die Veranstalter mit mehr Besuchern gerechnet? 55.000 Personen passen in das Stadion. Nach dem Event wurden die Besucherzahlen über alle vier Tage mit ca. 50.000 angegeben.
Die kleine Sitze mit der nur angedeuteten Rückenlehne waren eng und ungemütlich, machten Rückenschmerzen und ließen ein Gefühl von Hühner-KZ aufkommen.
Mit einer viertel Stunde Verspätung ging es um 09:45 los. Diverse Begrüßungsreden, darunter eine Rede von Petra Roth, der CDU-Oberbürgermeisterin von Frankfurt. Ich dachte mir nur, was hat eine Politikerin, auch noch von der CDU, hier zu suchen? Aber das ist nicht das einzige, was mich am Dalai Lama zweifeln lässt.
Er sprach seine Eröffnungsrede auf englisch, das Teaching auf tibetisch, was dann von einem Übersetzer ins Deutsche übertragen wurde. Manchmal übertönten die grollenden Flugzeuge des nahen Flughafens die Lautsprecher im Stadion.
Gleich zu Beginn machte sich der Daila Lama bei mir unbeliebt. Er halte es für besser, wenn die Menschen in der Religion bleiben, in der sie hinein geboren werden, an statt zum Buddhismus zu wechseln. Er räumt zwar ein, dass die Wahl der Religion eine individuelle Entscheidung ist, die niemanden vorgeschrieben werden darf und dass der Buddhismus für einzelne westliche Menschen der richtige Weg sei, doch dürfe man nie den Respekt vor der Religion seiner Kultur verlieren.
Mit der Religion unserer Kultur meint er natürlich das Christentum, obwohl selbiges mit Gewalt und Krieg nach Germanien gebracht wurde und eben nicht unsere ursprüngliche Religion ist. Im Gegensatz zum Buddhismus haben die Monotheisten den Anspruch, die absolute Wahrheit zu besitzen und sagen, alle die sich nicht zu ihrem Gott bekennen, fallen der ewigen Verdammnis anheim. Monotheisten wollen anderen ihren Glauben aufzwingen, führen darum Kriege und verbrennen Abweichler auf Scheiterhaufen. Wer die Geschichte der Kirche betrachtet wird sie als eine Geschichte des Bösen erkennen. Und davor soll ich Respekt haben? Zu dieser Religion soll ich mich bekennen, weil ich zufällig, nein nicht zufällig, weil mein Karma mich in ein Land geführt hat, in dem diese Religion herrscht? Ich besitze aber den freien Willen und kann mich für eine andere Religion entscheiden, die ethisch höher stehender ist!
Die Kirchen haben die Lehre Jesu pervertiert. Natürlich findet sich noch ein Echo von Jesus Lehre in der Kirche und so gibt es einzelne Persönlichkeiten oder einzelne Organisationen innerhalb der Kirchen, die Gutes bewirken, aber im Großen und Ganzen sind die Kirchen Teufelswerk.
So sagt es Persephone, eine bekennende Heidin.
Nun zumindest war das kein guter Auftakt und entfernte mich ein Stück vom Daila Lama. Selig lächelnd saß er die ganze Zeit im Schneidersitz auf dem Thron und erzählte mit herzlicher Selbstironie über sich selbst. Es ist immer ein Zeichen von Weisheit, wenn man sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Er habe immer noch den selben Körper wie bei seinem letzten Besuch, nur ein kleines Stück fehle ihm, seine Gallenblase. Er hoffe, sein Gehirn funktioniere noch gut. Wer ihn von früher kennt solle auf sein Verhalten achten und ihm bescheid sagen, wenn er anfinge, sich seltsam zu verhalten. Zwischendurch intonierten die Mönche einen für europäische Ohren seltsamen Singsang und schließlich begann er mit dem Teaching; Erklärungen zu dem Text: Die mittleren Stufen der Meditation von Acharya Kamalashila. Er verwende diesen Text gerne, weil er ihn gut kenne und so weniger homework zu tun habe. “I´m a lazy person”, sagte er schmunzelnd.
Ich bin ein visueller Lerntyp. Für mich zählt nur das geschriebene Wort, bei Erzählungen ohne schriftliche Unterstützung, schweift mein rastloser Geist sofort ab. Deshalb war ich froh, als pünktlich um 11:30 die Mittagspause anfing. Ja, ja, ich habe noch viel Meditation nötig.
Raven und ich besorgten uns je eine Tüte mit diversen Prospekten, dem Programm und eben dem Teaching-Text.
Hunger! Aber es war fast unmöglich, an etwas Essbares heran zu kommen. An allen Ständen auf dem Gelände hatten sich riesige Schlangen gebildet. Vor lauter Not wollte ich mir wenigstens eine Brezel holen, in der Hoffnung, dass es dort schneller ginge. Doch noch bevor ich mich in die Warteschlange einreihen konnte, hieß es, Brezeln ausverkauft.
Wir gingen schließlich ins Stadion zurück, um uns dort an einem Verkaufsschalter anzustellen, hier war es schattig und die Wartereihe kürzer. Vor uns standen zwei Damen, die sich ein Getränk kaufen wollten. Es stellte sich heraus, dass sie keine pay-Karte hatten, weil sie nichts davon wussten. Sie baten mich, meine pay-Karte benutzen zu dürfen und gaben mir Geld dafür, dabei machte ich sogar einen kleinen Gewinn.
Als wir endlich an der Reihe waren, hieß es: ätschebätsch, es gibt kein Essen mehr. Alles, was wir noch ergattern konnten, waren ein Muffin und ein Donat. Einerseits musste ich mein Brötchen wegwerfen, andererseits gibt es nicht genug Essen zu kaufen. Mit leerem Magen studiert es sich nicht gut, siehe Maslows Bedürfnispyramide.
Immerhin, in einer Sache hatten die buddhistischen Veranstalter ihre ethischen Grundsätze durchgesetzt: es gab ausschließlich vegetarische Speisen. Auch der Stadionschalter, der sonst Würstchen verkauft, hatte nur Mahlzeiten ohne totes Tier im Angebot.
Zwischendurch traffen wir Jos, eine Bekannte von Raven und unterhielten uns eine Weile mit ihr. In ihrem Blog war Raven damals auf diese Veranstaltung Aufmerksam geworden.
Schließlich wollten wir uns die Stände mit Büchern und asiatischem Allerlei ansehen, die auf dem Gelände so aufgestellt waren, dass sie eine Gasse bildeten. Die Gasse war so verstopft, dass man nicht mehr zu den Ständen reichte und in einem Thrombosepfropfen stecken blieb. Überreizt suchten wir das Weite.
Beide waren wir erschöpft, hatten Schmerzen, litten unter der Hitze und so beschlossen wir, nach dem Ende der Mittagspause um 14:00, nicht ins Stadion zurück zu kehren sondern die dann leeren Stände abzulaufen und dann nach Hause zu fahren.
Der ganze asiatische Kruschelkram interessierte mich wenig, denn als Wotanstochter bin ich der germanisch-keltischen Symbolik zu getan. Aber es gab Bücher zu kaufen und Bücher gehen immer. Raven kaufte sich ein Buch über Karma und ich: “Das tibetische Buch vom Leben und Sterben – ein Schlüssel zum tieferen Verständnis von Leben und Tod” von Sogyal Rinpoche.
Ich freue mich schon darauf, es zu lesen.
Wir gingen nicht nach Hause, sondern schlurften mit letzter Kraft nach Hause und fielen erschöpft in unsere Betten. Nachdem wir uns etwas erholt hatten, besprachen wir unsere Einstellung zum Buddhismus, was uns gefällt und nicht gefällt. Dazu später mehr.
31.Juli 2009, Freitag
Diesmal nahmen wir keine Nahrungsmittel mehr mit. Ich kaufte am Stadionschalter ein Wasser für Raven und einen Kaffee für mich. Die Summe entsprach genau meinem Restbetrag auf der pay-Karte.
Als wir den Innenraum des Stadions um 9:20 betraten, hatte der Daila Lama schon angefangen. Es sei bekannt, dass er manchmal früher beginne, so stand es sogar in der FAQ der Veranstalterseite. Ich glaube, er machte so eine Art Morgenritual. Auf jeden Fall kam ein wenig Energie bei mir an.
Die Sitze erschienen mir noch unbequemer als am Vortag, vor allem aber machte mir das Eingepferchtsein zwischen den Menschenmengen zu schaffen. Aus diesem Grund buche ich sonst immer Plätze am Rand, aber offenbar waren keine mehr frei gewesen und ich hatte inmitten der Reihe buchen müssen. Es bereitet mir Unbehagen, wenn ich meinen Fluchtweg von Menschen versperrt sehe. Die Reihen waren so eng, dass kein Gang mehr übrig blieb, wer raus wollte, musste alle Leute aufscheuchen. Das tat ich dann auch nach einer Stunde.
Mir war etwas schlecht und es grummelte in meinem Bauch. Welche Befreiung war es, nicht mehr eingeschlossen zu sein. Ich blieb eine Weile außerhalb der Reihen stehen, lauschte dem Daila Lama, setzte mich draus auf den gemütlichen Betonboden und kam wieder herein, als er seine Ermächtigung, für Laien als Segen zu verstehen, sprach.
Raven und ich hatten uns vorgenommen, wieder auf das Nachmittag-Teaching zu verzichten. Wir sind leider beide schwach und von Krankheit gezeichnet, so dass wir nicht die Ausdauer eines gesunden Menschen haben und uns nicht zu Letzt wegen unserer Hochsensitivität bei Großveranstaltungen schnell überfordert fühlen.
Es war ein Ereignis, den Daila Lama einmal live zu erleben, aber kein Funke sprang über, eine spirituelle Inspiration habe ich nicht mit genommen, das ist bei einer Großveranstaltung wohl schwer möglich. Unter den zahlreichen öffentlichen Personen, die es auf der Welt gibt, ist er ein Sympathieträger. Er ist das lächelnde Gesicht des Buddhismus und inspiriert interessierte Menschen konfessionsübergreifend. In der vorherrschenden materiellen Weltsicht ist er eine gewichtige Stimme der Spiritualität.
Ich habe einen Artikel gefunden, der die Veranstaltung als Kommerzialisierung des Daila Lama kritisiert. Die Veranstalter wollten damit Geld verdienen, heißt es, und zum Beweis werden die hohen Eintrittspreise ins Feld geführt. Autor der Kritik ist Klaus Hofmeister von der hr-Kirchenredaktion. Soll das Event etwa schlecht gemacht werden, weil die Kirche die Konkurrenz des Buddhismus fürchtet?
Ich finde die Eintrittspreise keineswegs überteuert. Für meine Zweitageskarte habe ich 45€ bezahlt. Eintageskarten gibt es für 29€. Das ist bei den heute üblichen Eintrittspreisen nicht ungewöhnlich hoch. Möchte jemand alle vier Tage plus Abendprogramm mit Vorträgen erleben, muss er natürlich tiefer in die Tasche greifen, da werden dann ca. 200€ fällig. Dem Gegenüber stehen immense Kosten. Das Waldstadion ist bestimmt kein billiger Veranstaltungsort und die Referenten der Abendvorträge und Diskussionspartner wollen auch bezahlt werden oder müssen zumindest herbei geschafft werden. Viele Menschen haben in ehrenamtlicher Arbeit dieses Event erst möglich gemacht.
Laut Veranstalter gibt es sogar ein minus von 200.000 Euro, weshalb zu Spenden aufgerufen wurde. Und sollte es am Ende einen Überschuß geben, wird der sowieso einem guten Zweck gespendet, was der Kirchenredakteur mit einem *angeblich* kommentiert, so als zweifele er an der Aufrichtigkeit der Veranstalter, zu denen die Deutsche Buddhistische Union, Pagode Phat Hue und das Tibethaus Deutschland gehören.
Ich glaube nicht, dass dies alles eine Lüge ist, um damit Geld zu scheffeln. Außer den Eintrittspreisen, die ja immer relativ zu den Kosten gesehen werden müssen, hat Herr Hofmeister kein Argument ins Feld geführt, welches seine Behauptung unterstützt.
Wenn ein Kirchenredakteur es nötig hat, solchen Unsinn zu verbreiten, bestätigt das nur meine schlechte Meinung über die Kirche, die sich besser an ihre eigene Nasen fassen sollte. Wallfahrtsorte wie Lourdes leben schließlich vom christlichen Tourismus und verkaufen allerlei Kitsch im Namen der Jungfrau Maria.
Die Schattenseite des Daila Lama
Bei der Recherche zu diesem Eintrag stieß ich auf einen Artikel bei hr-online, in dem es heißt, der Dalai Lama sei seit zwanzig Jahren mit Roland Koch, CDU-Ministerpräsident von Hessen, befreundet. Roland Koch ist ein Unsympath, mein absoluter Hass-Politiker, ein gieriger Kapitalist, der uneinsichtig die Zerstörung meiner Heimat durch den größenwahnsinnigen Ausbau des Frankfurter Flughafens voran treibt, der Bürgerwillen missachtet, unsere Wälder ermordet, Luft und Boden vergiftet – alles für den Fortschritt des Materialismus. Von der buddhistischen Lehre ist der Kirchenchrist diametral entfernt.
Aber es kommt noch schlimmer: Der Dalai Lama liebt George W. Bush. Bei einem Treffen sei ihm Bush der Erzkapitalist, Ölmagnat, Kriegstreiber und öffentlicher Lügner sofort sympathisch gewesen.
Überhaupt schmücken sich Politiker gerne mit dem populären Tibetmönch, wenn ihnen ihre Wirtschaftsinteressen an China nicht gerade wichtiger sind. Beliebig lässt sich der Dalai Lama von allen vereinnahmen, lächelt milde in die Kamera und erhöht für den Augenblick das Prestige des Politikers. Der Dalai Lama als Wahlhelfer. Übrigens gehörte auch Shoko Asahara, Guru der terroristischen Aum-Sekte, die 1995 einen Giftgasanschlag auf die U-Bahn von Tokio verübte zum Freundeskreis des Exiltibeters.
Während er im Westen von seiner Fangemeinde umjubelt wird, regiert er seine Exiltibeter wie ein absolutistischer Potentat. Mir fiel das Magazin *STERN* in die Hände mit einer kritischen Titelstory über den Dalai Lama.
Hier wird von der ersten unabhängigen Zeitung Mang-Tso (Demokratie) im nordindischen Exil berichtet. Die Redakteure mussten wegen ihrer kritischen Berichterstattung Morddrohungen hinnehmen, aber sie ließen sich nicht einschüchtern. Als sie nach dem Giftgasanschlag in Tokio über die Verbindung des Dalai Lama zu Shoko Asahara berichtete, setzten die religiösen Autoritäten die Zeitung so unter Druck, dass sie dicht machen musste.
Während der Ermächtigung am 31.Juli in Frankfurt erklärte der Dalai Lama, dass niemand, der den tibetischen Schutzheiligen Dorje Shugden verehre sein Schüler sein dürfe. Er lehne Dorje Shugden ab, weil er eine böse Aura habe. Ich dachte mir, warum erwähnt das überhaupt, die meisten Zuschauer dürften kaum jemals von diesem Dorje gehört haben und wer ihn unbedingt verehren wolle, sucht sich eben einen anderen Lehrer.
Wie ich durch den STERN-Artikel erfuhr ist die Dorje-Shugden-Angelegenheit für die Tibeter ein elementares Problem. Das wäre etwa so, als wenn man mir verwehre, weiterhin Wotan zu verheren. Der Schutzheilige genießt bei den Tibetern hohe Verehrung und man muss nicht ein persönlicher Schüler des Dalai Lama sein, um unter das Verbot zu fallen. Im Grunde sollen alle Tibeter, zumindest aber die Exiltibeter Dorje Shugden nicht mehr verehren dürfen. Wer es dennoch tut, wird diskriminiert.
Während er im Westen Religionsfreiheit predigt und Toleranz predigt, setzt der Dalai Lama bei seinen Untertanen seine Sicht auf den Glauben durch und verfolgt Andersgläubige mit Repressalien. Während er sich mit Leuten wie Bush und Koch freundschaftlich verbunden fühlt, zeigt er den Shugden-Anhängern gegenüber keine Kommunikationsbereitschaft.
Der Konflikt ist soweit eskaliert, dass die Shugden-Verehrer beim Obersten Gerichtshof von Neu-Dehli Klage gegen den Dalai Lama wegen Verstoß gegen die Religionsfreiheit erhoben haben.
Nach all dem kann ich nur sagen, der Dalai Lama ist viel schlechter als sein Ruf. Toll erleuchtet kann er nicht sein. Ich schätze er ist eher von Mächten aus den dunklen Dimensionen des Universums erfüllt. Er glaubt Gutes zu tun und es ist ja auch vieles Gut, was er sagt, lehrt und tut. Aber in dem Guten, welches er tut, ist er doch nur eine Stütze des Dunklen Systems, der Neuen Weltordnung. Meine Sympathie besitzt er nicht mehr, sehr schade, denn ein wirklich von der Liebe Gottes durchdrungener Spiritueller täte der Welt gut. Ach ja, es gibt ja keinen Gott bei den Buddhisten, aber es gibt Mitgefühl und Liebe zu allen Wesen. Die Shugden-Verehrer haben das Mitgefühl des Dalai Lama nicht.
]]>Ach was waren das früher für herrliche Zeiten im Internet. Es herrschte freier Austausch zwischen allen Usern, was man auf einer Webseite fand konnte man getrost weiter tragen, vervielfältigen, weiter entwickeln. Informationen flossen ungehindert durch das weite Netz, grenzenlos, frei von Zwängen, frei von Tugendwächtern und ohne eifersüchtige Zäune, errichtet um streng gehütetes Gedankengut.
Mit einem Wort, im Internet florierte die Gedankenfreiheit.
Doch etwa ab dem Jahr 2000 wurde das liebevoll von Geeks gepflegte Internet von Muggles unterwandert. In immer größer Horden drangen sie in das Netz ein und brachten ihre Kleinkarierten Schranken und Gesetze mit. Die Musikindustrie jammerte über Milliardenverluste, der Feind hieß und heißt: Tauschbörsen, mp3, youtube etc.
Politiker mokierten sich über die Anonymität des Internets, welche es den Nutzern erlaubte, unidentifizierbar, ihre Meinung hinaus zu blöken. Also wurde schnell die Impressumspflicht für Homepages eingeführt. Drittklassige Winkeladvokaten weideten sich am Geklimper der Euros, in dem sie das Internet mit einer Abmahnwelle überfluteten. Ein kleines Bildchen hier, ein ebay-Angebot dort, ein fehlendes Impressum irgenwo und schon wurde der nichtsahnende Nutzer der Verletzung von Copyright, Wettbewerbsrecht oder sonstigen Mist beschuldigt.
Als wäre das alles nicht schlimm genug, haben nun auch die zurück gebliebenen Politiker kapiert, dass sich im Pluralismus des Webs auch Meinungen tummeln, welche die Political Correctness verspotten. Nein so was aber auch! Das World Wide Web hält sich nicht an die Begrenzungen deutscher Gesetze, da gibt es tatsächlich Dinge, die in Deutschland verboten sind und die deutschen Bürgern sind diesen Verlockungen hilflos ausgesetzt. Da muss Vater Staat seine Bürgerkinder vor schützen, die ohne seine Fürsorge in ihr Verderben schlittern würden. Aber weil Papa Staat ja weiß, wie trotzköpfig seine Kinderlein sind, versucht er seine Verbote ganz vorsichtig einzuführen.
Und so ist es gekommen, dass Übermutter Zensursula von dem Leiden die ersten Stoppschilder im Internet aufgestellt hat. Alle bösen Pädophilen-Seiten werden auf diese Weise unzugänglich gemacht. Und weil jeder weiß, dass es um die Pädophilen-heb-an-den-Schwanz-Seiten nicht schade ist, müssten die Bürgerkinder doch jubeln: Oh Danke heilige Ursula von dem Leiden, dass Du uns unmüdige Bürgerlein vor den bösen Dämonen des Internets bewahrest.
Zu dumm nur, dass manche Bürgerkinder so dickköpfig sind, und Zensursula einfach nicht dankbar sein mögen.
Mit Verabschiedung des Gesetzes für Web-Sperren am 18.Juni, wird der Zensur Tür und Hof geöffnet.
Angeblich richtet sich die Web-Sperre nur gegen Seiten, die Kinderpornographie enthalten. Es sei eine Maßnahme im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Wieso das denn? Nur weil Deutschland entsprechende Seiten blockt, heißt es nicht, dass nun weniger Kinderpornos gedreht werden. Dann verändern sich eben die Vertriebswege und man steigt auf DVD um. Das Perfide ist auch, dass die Seiten eben nur unzugänglich gemacht werden, der Inhalt aber weiterhin im WWW verbleibt.
Das Scheinheilige dabei ist, dass Kindesmissbrauch immer noch verjährt. Wer also erst spät den Mut findet, gegen seinen Quäler vorzugehen, sieht sich mit abgelaufener Verjährungsfrist konfrontiert. Eine Petition mit der Bitte an die Politiker, diese Verjährungsfrist aufzuheben, wurde vom Bundestag abgelehnt. Ich hatte diese Petiton mit unterschrieben.
Sogar Missbrauchsopfer wenden sich gegen die Web-Sperren, weil sie darin den Anlauf zu einem umfassenden Zensur-Rundumschlag sehen. Sie möchten sich nicht von der Regierung für diese Eingriffe in die Privatsphäre der Menschen missbrauchen lassen. Wenn man es so sieht, ist es ein Hohn, wenn die Regierung gerade Menschen, die Opfer unerträglicher Grenzüberschreitung wurden, zum Alibi für Eingriffe in die Privatsphäre der Bevölkerung macht.
Hier ein Video mit einem treffenden Song über Zensursula, sehr unterhaltsam:
Es liegt auf der Hand, dass es nicht bei Pädophilen-Seiten bleiben wird.
Schon werden Stimmen laut (CDU-Politiker Thomas Strobl), die Websperre auch auf Seiten für so genannte Killerspiele auszudehnen. Ach ja, die bösen Egoshooter, die Generationen von Amokläufern heranzüchten. Wie blöd sind Politiker eigentlich, wenn sie glauben, mit Verbot von diversen Computerspielen, das Phänomen der Amokläufer beseitigen zu können? Bald geht es zu wie im Film Demolition Man und man bekommt schon beim Ausstoßen eines Schimpfwortes einen Strafzettel.
Auch der Zentralrat der Sinti und Roma bekommt plötzlich Lust auf Zensur und fordert die Ausdehnung der Websperre auf Seiten mit rassistischem Inhalt.
Und so wird es immer weiter gehen. Jedes Grüppchen meldet seine Zensurwünsche an. Immer mehr unliebsame Seiten werden der Zensur zum Opfer fallen. Alles, was nicht politisch korrekt ist und der Moralprüfung der Gutmenschen nicht stand hält, wird mit Stoppschildern gepflastert werden.
Artikel 5 des Grundgesetzes: Eine Zensur findet nicht statt, ist schon lange eine Farce und wird immer mehr zum Satirikum.
Schon jetzt sind es nicht nur kinderpornographische Seiten, die der Zensur zum Opfer fallen.
Ein Beispiel für gelungene Internetzensur ist die Geschichte einer Satire-Website, die das Erscheinungsbild der Homepage des Bundesinnenministeriums nachahmte und dabei böserweise auch den dicken Bundesadler, deutsches Hoheitszeichen, verwendete. Im vorauseilenden Gehorsam löschte der Provider die Seite, nachdem er ein Fax vom Bundesverwaltungsamt mit Bitte um Löschung erhalten hatte. Auf zeit.de findet sich noch ein Screenshot der Satire, die ich im vorauseilenden Ungehorsam meinen Lesern nicht vorenthalten will.
Der Initiator der Satire hat mittlerweile eine neue Seite kreiert, welche extra als Satire gekennzeichnet ist, damit es auch der verbissenste, lachlose Politiker kapiert.
Die Beschreibung eines älteren Zensurversuch seitens des Düsseldorfer Regierungspräsidenten Jürgen Büssow aus dem Jahr 2003 habe ich auf der Seite Internetzensur in Deutschland gefunden.
Hier heißt es über Büssows Pläne:
“Den Medienwächtern vom Rhein, zuständig für die Medienaufsicht in Nordrhein-Westfalen, schwebt ein »reguliertes« Internet vergleichbar mit Rundfunk und Fernsehen vor, in dem alle nach den Vorstellungen der Regulierer »nicht zulässigen« Inhalte ausgeblendet werden. Letztendlich wäre dies das Ende des Internets wie wir es kennen, das Ende vom Traum eines freien Kommunikationsnetzes. “
Neben Kinderpornographie gibt es noch ein anderes Lieblingskind der Politiker: Rechtsextremismus.
Das hysterische Geheule bei diesem Thema steht in keinem Verhältnis zu dem Einfluss, die Rechtsradikale in Deutschland tatsächlich haben. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, in der es hieß, die Justiz sei auf dem rechten Auge blind. Damals waren noch ehemalige Nazigrößen in juristischen und politischen Schlüsselpositionen. Die sind mittlerweile ausgestorben und wurden offenbar von Alt-68ern ersetzt. Jetzt ist die Justiz eher auf dem linken Auge blind und verfolgt den Gegner mit rational nicht nachvollziehbarem Hass.
Es gehört heute zum guten Ton gegen rechts zu sein und alles, was auch nur wagt, nicht gegen rechts Stellung zu beziehen, zu verfolgen.
Zurück zur Website Internetzensur in Deutschland.
Hier heißt es weiter:
“Nordrhein-Westfalens Internet-Zugangs-Anbieter (Access-Provider) wurden 2001 von der Düsseldorfer Bezirksregierung »gebeten« die folgenden Webseiten aus den USA zu sperren, also die Durchleitung der Daten zu unterbinden:”
Man mag von diesen Seiten halten, was man will. Es kann nicht angehen, dass irgendwelche daher gelaufenen Politiker mir vorschreiben wollen, welche Seiten ich nicht ansehen darf, weil sie mich sozial-ethisch desorientieren könnten. Wenn ich meinen Voyeurismus auf rotten.com bedienen möchte, dann ist das meine Sache. Ich war schon Jahre nicht mehr auf dieser Seite und bin erst angeregt durch das Zensurgetue mal wieder vorbei gesurft.
Oh ja, rotten.com ist nicht gesperrt. Zensor Büssow hatte die Seite wieder aus seinem Programm genommen, weil sie sich nicht mit seiner Offensive gegen Rechtsextremismus verkaufen ließ.
Anders sieht es aus mit der Homepage von Nazi Lauck. Die ist tatsächlich gesperrt, allerdings nicht mit einem Stoppschild. Man erhält einfach die Browser-Fehlermeldung: “Die Verbindung zum Server wurde zurückgesetzt, während die Seite geladen wurde.” (Firefox) oder “Die Webseite kann nicht angezeigt werden” (Internet Explorer).
Benutzt man aber den alten Proxy-Trick, dann erfreut sich Laucks Internetpräsenz bester Gesundheit.
Dieser Fall beweist: Internetzensur findet längst statt!
Spielverderberin Zensursula von dem Leiden ist nicht die erste, aber, dafür können wir ihr fast dankbar sein, mit ihrem missionarischen Gutmenschen-Auftreten, hat sie die Bevölkerung für das Thema Internetzensur sensibilisiert.
Es geht eben nicht darum, ob ich mit der auf einer Website wie Nazi Lauck vertretenen Meinung konform gehe, ob ich eine Seite gut oder scheußlich finde. Es geht darum, dass ich selbst entscheiden will, was ich mir ansehen möchte oder nicht. Es gehört doch gerade zum Reichtum des Internets, hier Dinge zu finden, die man sonst in Deutschland nicht bekommt. Es ärgert mich zum Beispiel ungemein, dass “Mein Kampf” auf dem Index steht. Ich möchte das Buch gerne mal lesen, um mich zu vergewissern, wie blöd Hitler wirklich war. Man liest schließlich nicht nur Dinge, mit denen man einer Meinung ist, sondern sondiert auch den Gegner.
Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland ohnehin eingeschränkt durch Gesetze gegen Volksverhetzung, Tragen verfassungsfeindlicher Symbole, persönliche Beleidigung und so fort. Wehrhafte Demokratie nennt sich das, keine Toleranz gegen Meinungen, die nicht dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung entsprießen. Schön und Gut.
Was jedoch bei der Internetzensur geschieht ist die Vernichtung des Rechts auf Informationsfreiheit bzw. Rezipientenfreiheit.
Man darf sich Meinungen, die in Deutschland verpönt oder gar strafbar sind, nicht einmal mehr ansehen, sich damit beschäftigen und auseinandersetzen, sei es zu wissenschaftlichen, journalistischen Zwecken oder aus privatem Interesse.
Das ist nichts anderes als das Verbot zu Zeiten des Dritten Reiches, den Feindsender zu hören.
Wie freiheitlich-demokratisch ist Deutschland eigentlich noch?
“Mein Kampf” zum Beispeil ist nur in Auszügen und kommentiert zu bekommen. Ich brauche aber keine demokratisch-ideologischen Oberlehrer, der mir erläutert, wie furchtbar doch alles ist, was Adolf geschrieben hat. Ich bin in der Lage, mir eine eigene Meinung zu bilden und Herr Hitler wird sich durch seinen Text schon selbst als Spinner entlarven.
Gibt man “Mein Kampf” in Google ein, findet man dort den Hinweis:
Aus Rechtsgründen hat Google 2 Ergebnis(se) von dieser Seite entfernt.
Folgt man den link: Informationen über diese Rechtsgründe , gelangt man zu einer Seite mit der Erklärung: A URL that otherwise would have appeared in response to your search,
was not displayed because that URL was reported as illegal by a German
regulatory body.
Man kann davon ausgehen, dass hier eine Seite mit nazistischem Inhalt gemeint ist. Das ist Zensur vom Feinsten. Es ist schon viel schlimmer als ich zu befürchten gewagt hatte. Der Protest gegen die Stoppschilder der Heiligen Ursula von dem Leiden als Türöffner für einen kommenden Zensurwahn kommt viel zu spät, wir sind schon längst drin im Kontroll- und Überwachungsstaat. Das Internet wurde seiner Freiheit beraubt.
Es werden nicht alle Nazi-Seiten geblockt, wahrscheinlich ist man der florierenden, rechten Webkultur noch nicht Herr geworden, aber das ist nur eine Frage der Zeit.
Auf der Homepage Internetzensur in Deutschland wird aus dem Buch Verantwortung im Internet – Selbstregulierung und Jugendschutz von Waltermann und Machill zitiert.
“»Die Internet-Entwicklung gibt ihm [dem Internet-Nutzer] unweigerlich die Kontrolle darüber, welche Informationen und Inhalte ihn wann und wie erreichen. Das neue Medium ist nicht mehr auf Vermittler wie Verlage, Sender, Zeitungen oder die Musikindustrie angewiesen. Im Internet wird eine ‘Massenkommunikation’ von Individuum zu Individuum möglich. Auf diese Entwicklung hin zur Nutzerkontrolle sind wir bisher nicht vorbereitet.
Wir müssen neue Regulierungsmechanismen entwickeln.« “
Aha, der Vorteil des Internets, nicht mehr auf von der Regierung kontrollierten Vermittlern wie Verlage und Sender angewiesen zu sein, ist den Autoren eine Gefahr, gegen die neue Regulierungsmechanismen entwickelt werden müssen.
Unter dem Deckmantel des Jugendschutzes wurde seit je her hemmungslos Zensur betrieben. Nun soll das letzte Bollwerk der Freiheit fallen.
Während der Olympischen Spiele 2008 in Peking regte sich die Weltöffentlichkeit noch darüber auf, dass Journalisten nicht auf alle Webseiten freien Zugang hatten. Zum Beispiel hatte China Seiten über den tibetanischen Freiheitskampf blockiert, weil die der staatlichen Ideologie widersprechen.
Was in Deutschland geschieht ist genau das Gleiche. Auch hier werden Webseiten gesperrt, die nicht der staatlichen Ideologie entsprechen. Das Recht auf Informationsfreiheit schrumpft immer weiter.
Erinnern wir uns an ein Zitat, welches gemeinhin Voltair zugeschrieben wird, und welches mehr denn je aktuell ist:
Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.
to be continued …
FREIHEIT *** FREIHEIT *** FREIHEIT
Internet – Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten
Die Petition richtet sich gegen die Änderung des Telemedien-Gesetzes dahingehend, dass das Bundeskriminalamt Internetseiten indizieren darf und Provider diese Seiten sperren müssen, was einer Zensur Tür und Tor öffnet. Die politisch überkorrekte Familienministerin Ursula von der Leyen hatte diesen Gesetzesentwurf eingebracht, um fortan Webseiten mit Kinderpornographie sperren zu können.
Ob mit dieser Maßnahme Kinderpornographie wirksam bekämpft werden kann, ist mehr als fraglich. Ist jedoch einmal Zensur zugelassen, so wird das Begehr nach weiterer Zensur wachsen und wir können uns von der Informationsfreiheit des Internets endgültig verabschieden. Eine Kontrolle der indizierten Websites durch den Bürger ist in der Gesetzesänderungen nicht vorgesehen, will heißen, die Sperrliste des BKA ist nicht einsehbar.
Übrigens hat diese Petition der Piraten-Partei einen Unterschriften-Rekord aufgestellt. Über 130.000 sind es bereits, die meisten anderen Petitionen haben nur wenige Tausend oder nur ein paar Hundert Unterstützer. Für die Zulassung einer Petition in den Petitionsausschuss des Bundestages ist es allerdings unerheblich, wie viele Unterschriften innerhalb der Frist von sechs Wochen gesammelt wurden.
Zensur ist von Übel! Es lebe die Freiheit des Wortes!
In der Übersicht über öffentliche Petitionen habe ich noch einige andere Anliegen gefunden, die ich mit gezeichnet habe. Man muss sich zuvor, wie könnte es anders ein, einen Account anlegen.
Arzneimittelwesen – Ausfuhrgenehmigung für opioidhaltige Medikamente
Starke Opiate wir Morphin oder Fentanyl fallen unter das Betäubungsmittelgesetz und müssen vom Arzt mit einem Sonderrezept verschrieben werden. Möchte ein Schmerzpatient, der auf diese Medikamente angewiesen ist, in das Ausland verreisen, braucht er dazu eine Bestätigung des Arztes, die von der Landesbehörde für Gesundheit abgestempelt werden muss.
Das ist an sich ja schon umständlich, wäre aber zu akzeptieren, könnte man das ärztliche Bestätigungsformular einfach per Post an die Behörde zwecks Abgestempel schicken. Das ist jedoch nicht möglich, nein, man muss persönlich in der Landesbehörde oder den vertretenden Kreisbehörden für Gesundheit vorstellig werden, was nicht nur Fahrtkosten verursacht und für einen Kranken mühselig sein kann, sondern auch noch mit einer Gebühr von fünf bis sechs Euro zu Buche schlägt.
Da ich mir vorstellen kann, einmal in diese Situation zu kommen, habe ich die Petitionen unterschrieben.
Sozialrecht – Anrechnung von Hinzuverdienst für Erwerbslose
Hier geht es darum, dass Menschen die Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe oder Grundsicherung beziehen und Obdachlosenzeitungen verkaufen, den Verdienst nicht auf ihre Bezüge anrechnen lassen müssen.
Eine gute Sache, wie ich finde. Sich den ganzen Tag die Beine in den Bauch stehen ist kein leichter Job und das Geld ist ohnehin knapp.
Arbeitslosengeld II – Gewährung eines Mehrbedarfs für Medikamente und Therapien
Verschreibungspflichtige Medikamente werden von den Krankenkassen grundsätzlich nicht mehr bezahlt. Nun kann es aber sein, dass ein Alg-II-Bezieher dennoch auf solche Medikamente angewiesen ist. Besonders häufig ist das bei der Behandlung von Allergien der Fall. Da kommt man bei dem geringen Regelsatz schnell an die Grenze der finanziellen Belastbarkeit, zumal die Kosten für verschreibungsfreie Medikamente auch nicht auf die 2% (oder für Chroniker 1%) Grenze der Zuzahlungen angerechnet wird.
Wie absurd das sein kann, zeigt ein Beispiel aus eigener Erfahrung. Während meiner Chemotherapie verschrieb mir mein Arzt Vomex, nicht verschreibungspflichtig, Kosten für mich ca. 14€. Als ich mich bei meinem Arzt darüber beklagte, verschrieb er mir Emned, verschreibungspflichtig, Kosten für mich 10€ Zuzahlung, Kosten für die Krankenkasse über 80€.
Unlauterer Wettbewerb – Verbot von Telefonwerbung
Telefonwerbung ist das allerletzte, eine Ausgeburt des Konsumterrors, der Mensch als Geldsack, den man ausplündern will. Mit Tricks, Maschen, falschen Angaben und Suggestivfragen sollen wir manipuliert und in ein Gespräch verwickelt werden, damit wir irgendeinen blöden Vertrag abschließen oder die Bankdaten über unsere Lippen entweichen.
Ich empfinde diese Anrufe als erhebliche Belästigung, als ein Eindringen in meinen privaten Raum, my holy sanctuary. Die neue Regelung, dass Callcenter ihre Rufnummer nicht mehr unterdrücken dürfen, hat es nur schlimmer gemacht, denn früher bin ich bei fehlender Nummer im Display einfach nicht ans Telefon gegangen, jetzt ist es nicht mehr so leicht, sinnvolle Anrufe von Werbeanrufen zu unterscheiden. Ich würge solche Anrufe zwar immer mit garstiger Giftigkeit ab, dennoch möchte ich von diesem überflüssigen Telefonklingeln nicht aus meiner Ruhe oder Tätigkeit des Augenblicks gerissen werden.
Arbeitslosengeld II – Anpassung an die Inflationsrate
Diese Anpassung sollte sich eigentlich von selbst verstehen, denn bei dem knappen Regelsatz kann man sich nicht auch noch einen Kaufkraftverlust leisten. Ist aber offenbar nicht selbstverständlich, deshalb habe ich diese Petition unterzeichnet.
Wahlen – 5%-Hürde bei der Europawahl
Diese Petition möchte die 5%-Hürde bei Europawahlen abschaffen.
Wer im Politik-Unterricht aufgepasst hat, weiß, dass die 5%-Hürde bei deutschen Wahlen eingeführt wurde, um eine Zersplitterung eines Landtages oder des Bundestages in viele kleine Fraktionen zu verhindern, die mit ihren Zwistigkeiten die Handlungsfähigkeit des Parlaments untergraben könnten.
Nun ist das Europa-Parlament ohnehin zersplittert, da kommt es auf die 5%-Hürde auch nicht mehr an. Die Abschaffung dieser Schranke würde den Reiz erhöhen eine kleine Partei zu wählen, mit der ich mich weit mehr identifizieren könnte, als mit den Parteien, die eine Chance haben, über die Latte zu springen.
Gesundheitswesen – Gendiagnostik-Gesetz
Der Erlass eines Gendiagnostik-Gesetzes ist prinzipiell begrüßenswert und hat seine guten Seiten. So dürfen Arbeitgeber oder Versicherungen keinen Gentest verlangen, wobei es dann doch wieder Ausnahmen gibt, z.B. ab einer Versicherungssumme von 300.000 Euro.
Das Gesetz hat jedoch auch erhebliche Mängel. So wird als Gen-Test nicht nur eine Untersuchung der DNA bezeichnet, sondern auch eine Untersuchung der Gen-Produkte, sprich Proteine, wie sie bei HIV-, Hepatitis-Test oder Blutgruppenbestimmung vorkommen, was den Unersuchungsrahmen dieser Tests unnötig verkompliziert, denn Gentests dürfen nur begleitet von einer speziellen Beratung durchgeführt werden. Diese Beratung muss von einem Arzt getätigt werden, obwohl die viel weniger Ahnung von Genetik haben als ein auf Humangenetik spezialisierter Biologe. Der Arzt steht mal wieder über allem, auch wenn seine Qualifikation nicht besser ist und Naturwissenschaftler im Akademiker-Wettstreit auf die Mediziner herab blicken. Ähnlich ist es ja auch in psychosomatischen Kliniken. Die Ärzte sind die Chefs und die Psychologen arbeiten nur im Auftrag des Arztes. Mediziner haben eine ziemliche Machtposition, sie können als einzige Medikamente verschreiben oder als Gutachter über das Schicksal eines Menschen entscheiden, deshalb begrüße ich eine Ausweitung ärztlicher Befugnisse auf die Humangenetik nicht.
Desweiteren will dieses Gesetz heimliche Vaterschaftstest unter Strafe stellen. Wieso das denn? Haben Männer kein Recht, zu wissen, ob ihnen ein Kuckuckskind untergeschoben wurde? In den meisten Fällen, in denen Männer ihre Vaterschaft anzweifeln, bestätigt der Gentest ihren Verdacht. Ich sehe nicht ein, wieso ein Vater sich nicht Gewissheit über seine Vaterschaft verschaffen darf. Eine Mutter kann sich ja immer ganz sicher sein, ein Vater darf nicht weniger Recht haben, als eine Mutter.
Häusliche Krankenpflege – Ambulante Nachsorge
Auf Grund der Abrechnung nach Fallpauschalen, werden Patienten heute weit früher aus dem Krankenhaus entlassen als früher. Das hat natürlich den Vorteil, dass man entlassen wird, bevor man einen Krankenhaus-Koller bekommt. Nachteil ist, dass viele Patienten nach Hause kommen und noch nicht in der Lage sind, sich selbst zu versorgen.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung, als ich nach der Krebs-OP nach Hause kam, hätte ich mich nicht alleine versorgen können. In meinem Fall ist die Family eingesprungen, aber was tun alleinstehende Menschen, die niemanden im privaten Umfeld haben, der sich um sie kümmert? Sie sind auf vorübergehende häusliche Krankenpflege oder eine Haushaltshilfe angewiesen. Eine Kostenübernahme der Krankenkasse für diese Pflege zu bekommen ist jedoch schwierig und für langwierige Verhandlungen haben Betroffene weder Kraft noch Zeit.
So das war´s. Es gibt natürlich noch jede Menge andere Petitionen, mit denen ich nicht so gleich in Resonanz gegangen bin oder die ich nicht unterstützen würde.
Auf jeden Fall finde ich die Petitionen eine gute Sache und werde ab und zu mal vorbeischauen, vielleicht gibt es ja wieder einen Antrag, den ich unterstützen möchte.
Beth Ditto ist Sängerin der amerikanischen Post-Punk-Gruppe Gossip, was so viel heißt wie Klatsch und Tratsch.
Was die stimmgewaltige Sängerin vor allen anderen auszeichnet: sie ist fett, 95kg bei 1,55m, und sie steht dazu.
Selbstbewusst kokettiert sie mit ihren üppigen Speckrollen, trägt hautenge Outfits und springt halbnackt über die Bühne.
Die Lifestyle-Welt, die sonst unablässig die Litanei des Schlankheitsdogmas herunter betet, ist von Beth beeindruckt. Ihr Verhalten ist so ungehörig, dass es den Magerleibchen Respekt einflößt. Wer es wagt, sich gegen die Diktatur der Klapperknochen zu erheben, muss etwas ganz besonderes sein. Und so wird Beth Ditto hoffiert von Karl Lagerfeld, der ihr ein Kleid auf den dicken Leib schneidert – na also geht doch, und Kate Moss, dem einstigen Top-Modell im Skelett-Format und vielen mehr.
Beth ist schrill, rebellisch, exzentrisch – also ganz nach meinem Geschmack. Sie stammt aus Arkansas, das im amerikanischen Bibel-Gürtel liegt. Vor den Hexenfeuern, die ihr als Lesbe dort drohten ist sie mit ihren Band-Freunden nach Olympia, Washington geflohen und gründete dort ihre Band Gossip. Die Musik ist nicht schlecht, entspricht aber nicht meinem Musikgeschmack.
Beth ist berühmt geworden, gerade weil sie so erfrischend anders ist als die profillosen, gecasteten Schmusestars. Sie ist authentisch und verkauft weder Körper noch Seele an den normierten Mainstream. Wäre sie schlank hätte sie wahrscheinlich nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Meine Sympathien sind ganz auf Beths Seite. Ich mag dicke, mutige, subversive, exzentrische Frauen, weil ich wohl selber eine bin.
Dürfen wir nun auf eine Lockerung des kantigen Schönheitsideals hoffen? Nein, das glaube ich nicht. Gerade der Erfolg von Beth Ditto zeigt, wie es nach wie vor in den Köpfen der Life-Stylisten aussieht. Beth zieht die Aufmerksamkeit an, weil sie den Rahmen sprengt. Sie ist die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Die Welt der Hungerhaken labt sich an ihrem Speck in tiefer Sehnsucht nach Fülle und Schlaraffenland. Sich mal richtig gehen lassen, schlemmen, auf dem Sofa fläzen und dem nörgelnden Personal Trainer das Maul stopfe, ja davon träumen sie wohl alle insgeheim. Aber letztendlich wird kaum einer von ihnen seine Überzeugung ändern und die Rippen unter köstlichem Speck verschwinden lassen, denn das hieße ja, das alle knurrenden Mägen und verhaßte Workouts um sonst gewesen wären. So wird Beth Ditto zum Kristilationspunkt der unerfüllbaren Träume und das ist wahrscheinlich das Geheimnis ihres Erfolges.
Und dennoch, die Gossip-Sängerin ist ein Idol, eine starke Stimme gegen das ewige Geschwafel von schlank, schön, gesund. Ich hoffe, viele Frauen und Männer nehmen sie zum Vorbild, verbennen ihre Diätbücher und schicken die Spaßbremse von Ernäherungsberaterin in die nächste Katakombe und lassen Fett fett sein. :futtern
FAT WOMEN RULE
Persephone, not Beth
]]>Natürlich kann man sich auch unten seitlich ein Piercing einsetzen.
Ich habe schöne Bilder gesehen von Menschen, die mehrere Lippenpiercings haben, was sehr symmetrisch und ästhetisch aussieht.
Ich überlegte eine Weile hin und her, welche Stelle ich wählen sollte und entschied mich schließlich für das klassische Labret.
Als ich Pfingstmontag mit Raven telefonierte, verfolgte ich noch die Idee, mir das Piercing bei ihr in Düsseldorf stechen zu lassen, wenn ich sie in der dritten Juli-Woche besuche. Doch schnell war mir klar, das Piercing duldet keinen Aufschub mehr, ich will es so schnell wie möglich haben.
Ich fand im Internet das Tattoo- und Piercing-Studio Kartell in der Frankfurter Innenstadt. Ich wusste nicht so recht, ob mir die Bilder des Teams sympathisch sein sollten oder nicht, aber es gab einige Punkte, die für das Studio sprechen.
Die Mitgliedschaft in der Organisation professioneller Piercer garantiert Qualität was Können und Hygiene des Piercers betrifft.
Ich wollte nicht erst umständlich einen Termin ausmachen müssen, da ich Donnerstag ohnehin wegen eines Arzttermins nach Ffm musste und dabei das Labret mitnehmen wollte.
Preise auf der Homepage finde ich wichtig. Nachfragen müssen finde ich lästig.
Mit 65€ für ein Lippenpiercing ist das Kartell nicht gerade günstig. Ich hatte irgendwo in der Republik ein Studio gefunden, das für die gleiche Leistung nur 39€ verlangte. Aber nun denn, daran sollte es nicht scheitern, trotz winzigen Geldbeutel wollte ich mir einfach etwas körperliches, lebendiges Gönnen, die rein geistige Existenz kommt noch früh genug.
Piercing ist eine jugendliche Angelegenheit. Die Studio-Websites werden nicht müde zu betonen, dass der schöne Stich für Minderjährige nur mit Einverständniserklärung der Eltern oder sogar nur im Beisein der Eltern und sowieso erst ab sechzehn Jahren zu haben ist.
Mit meinen 41 Jahren bin ich also eine Piercing-Omi ;-)
In diversen Foren fragen die jungen Leute ängstlich, ob das Stechen denn weh tue. Manche bejahen das andere, verneinen das, kommt eben auf das individuelle Schmerzempfinden an. Ich persönlich bin der Meinung, dass der Schmerz das Opfer ist, welches ich meinem Körper bringe, dafür dass er ein Löchlein bekommt.
Am Piercing scheiden sich ähnlich wie bei Tätowierungen die Geister. Die einen erfreuen sich am Körperschmuck, drücken darin ihre Persönlichkeit aus und wollen sich mit ihrer speziellen Körperkunst eine individuelle Note geben.
Aus diesem Grund möchte auch ich ein Piercing haben. Es passt zu meinem auch sonst sehr individuellen Kleidungsstil.
Dann gibt es noch die Fraktion, die Piercings ablehnt, weil es zu medizinischen Komplikationen führen kann. Denen kann ich nur raten: Hören Sie auf zu leben, das Lebensrisiko ist einfach zu hoch!
Donnerstag Morgen hatte ich zunächst einen Termin beim Onkologen (siehe 1.Teil).
Danach spazierte ich die lange Berger Straße hinunter bis zur Konstabler Wache.
Die erste Person, die mich ansprach, war ein bärtiger Mann, Türke oder anderer Orientale oder ähnliches. Er sah nicht mal schlecht aus und machte mir ein Kompliment wegen meiner schönen Kleidung. Ich trug meinen roten Panneesamt-Mantel mit passendem Hütchen. Es freut mich natürlich, wenn mir jemand auf der Straße Komplimente macht. Ich wollte schon weitergehen, aber er wollte mich in ein Gespräch verwickeln, schließlich fragte er, ob ich einen Mann hätte. Mit süßem Lächeln bejahte ich dies, um ihn loszuwerden. Hätte ich mich als Single geoutet, hätte er mich bestimmt zum Kaffee oder Essen eingeladen. Es war schon immer so, dass ich hauptsächlich von orientalischen Männern auf der Straße angesprochen werde. Mit Venus im Stier habe ich vielleicht etwas von einer üppigen, prächtigen Haremsdame.
Auf dem weiteren Weg wurde ich viermal von Schnorrern um etwas Kleingeld gebeten. Manchmal gebe ich Obdachlosen etwas, weil ich nachfühlen kann, wie grauenvoll es sein muss, kein zu Hause zu haben, aber diese Schnorrerei finde ich lästig.
Viel amüsanter fand ich die beiden Grundschulkinder, die mich fragten, ob sie mich im Rahmen eines Projektes fotografieren dürften. Titel des Projektes war so viel wie “Von jung nach alt – Lebensphasen des Menschen”. Die Kinder zeigten mir das Ergebnis auf dem Display ihrer Digi-Cam, ich war zufrieden. Die etwas abseits stehende Lehrerin lächelte mir zu und bedankte sich bei mir.
Sechsmal ist nicht genug, siebenmal muss es ein.
Zum siebten mal wurde ich in der Töngesgasse angesprochen. Eine Frau, Zigeunerin, Orientalin or whatever rief mir schon von Weitem zu. Ich flüchtete eilig, denn diese Sorte ist erfahrungsgemäß besonders aufdringlich, will mir aus der Hand lesen und hat keinen Respekt vor dem persönlichen Raum eines Menschen.
Da ich morgens nur eine Banane gegessen hatte, knurrte mir der Magen, was für Piercing nicht gut sein soll, weil das zu Kreislaufproblemen führen kann. Ich kaufte mir daher ein mit Butter beschmiertes Laugenhörnchen und ging gestärkt Richtung Kartell.
Das Studio sollte um 12:00 öffnen. Ich hatte es schon mal erlebt, dass es Studios mit ihren Öffnungszeiten nicht so genau nehmen, deshalb ging ich erst um 12:20 hin und stand vor verschlossener Tür.
So ein Mist, was jetzt? Ich wartete ein paar Minuten und tatsächlich, da kam das Team in ihren roten Shirts und öffnete den Laden.
Ich habe mich in dem Studio gleich sehr wohl gefühlt und alle Kerle waren sehr freundlich. Der Piercer kam gleich zur Sache, erklärte mir, wie ich die Wunde pflegen muss, um eine Infektion zu vermeiden. Dann musste ich einen Fragebogen ausfüllen, der vor allem die Gesundheit abfragte. Diabetiker werden nicht gepierct, weil bei ihnen Wunden schlecht heilen. Bei Hepatitis scheuen die Piercer wahrscheinlich die Infektionsgefahr. Auch darf man vorher keine blutverdünnenden Mittel wie Aspirin zu sich nehmen.
Ich gab als chronische Krankheit wahrheitsgemäß meinen Krebs an, aber das war kein Hinderniss.
In einem seperaten, gekachelten Raum standen alle Utensilien bereit. Ich musste den Mund mit Listerin desinfizieren und nahm dann auf einem grauen Stuhl Platz, der einem Zahnarztstuhl ähnelte. Der Piercer desinfizierte mein Kinn und markierte mit einem Stift eine Stelle unter der Lippe, mit der ich einverstanden war. Dann nahm er eine Zange, mit der meine Lippe fixierte. Die Zangenarme sind nicht durchgehend geschlossen sondern habe eine Öffnung, damit der Piercer durch die Zange hindurch stechen kann.
Schmerzen? JA! Ein intensiver Schmerz! Ich frage mich, wie Menschen keinen Schmerz haben können, wenn ihnen ein Hautlappen durchstochen wird?
Das Gute an dem Schmerz ist, er ist schnell vorbei. Das ganze dauert nur wenige Sekunden oder noch weniger. Dann wird der Steg eingefädelt, der in meinem Fall aus zahnfreundlichem PFTE (Polytetrafluorethylen) besteht. Im Mundinnenraum ist der Steg durch ein Plättchen abgeschlossen. Schließlich wird aus eine kleine Titankugel aufgeschraubt. Fertig.
Das kleine Kügelchen sieht noch etwas verloren aus, das verlangt nach mehr Piercings.
Letztlich ist das Piercen kein großer Akt. Wichtig ist nur, dass der Piercer sterilisiertes Werkzeug benutzt.
Da die Wunde anschwellen kann, wird als Ersteinsatz ein längerer Stab eingesetzt. Der kann später verkürzt werden, wobei mein Piercer meinte, er nimmt einen nicht allzu langen Stab, man könne die Länge auf Dauer drin lassen.
Die Wunde braucht etwas vier Wochen zu Verheilen. Dann beginnt erst die schöne Zeit mit Schmuck meiner Wahl. So gibt es farbige Kügelchen oder solche mir geschliffenem Stein, sehr gut gefallen mir auch die spitzen Einsätze.
Zur Pflege bekam ich ein Fläschchen Octenisept mit auf den Weg. Antiseptikum vor Kathederisierung der Harnblase, steht darauf. LOL
Morgens und abends desinfiziere ich die Wunde damit über ein Wattestäbchen. Die Wunde merke ich kaum, nur das Plättchen im Mund ist etwas gewöhnungsbedürftig. Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis man es nicht mehr merkt. Der Stich verheilt gut, ist nicht angeschwollen, es gibt keine Komplikationen.
Wie das immer so ist, ein Piercing verlangt nach mehr. Neben dem Labret habe ich nur zwei Ohrlöcher pro Ohr und einen Nasenstecker (Nostril). Ich kann mir noch weitere Lippenpiercings vorstellen. Vor allem aber liebäugele ich mit einer sogenannten Nasen-Bridge. Dabei wird die Haut auf der Nasenwurzel, zwischen den Augen durchstochen. Über die Bridge kursieren besonders viele Horrorgeschichten, da wird von Gesichtslähmungen und Blindheit gesprochen – natürlich immer von den Leuten, die persönlich keine Erfahrung damit haben und sowieso nicht nachvollziehen können, wieso sich Leute so etwas schmerzvolles und verunstaltendes wie ein Piercing antun. Auf Ciao habe ich einige solcher Lästereinträge gefunden. Diese Plattform dient eigentlich persönlichen Erfahrungsberichten. Die meisten Einträge sind jedoch von Lästerheinis verfasst worden, die sich berufen fühlen, die Welt vor den Nasenbrücken zu warnen und hinaus zu speien, wie häßlich sie das finden. Selbst unter Gepierten ist die Nasenbrücke umstritten und es gibt Piercer, die sich weigern das zu stechen. Das Kartell bietet die Nasenbrücke auf ihrer Website an.
Ich finde diese Stelle besonders schön, weil sie in der Mitte des Gesichts liegt und mich an ein Bindi oder Tilaka erinnert.
Neben weiteren Piercings steht noch ein Pentagramm-Tattoo auf meinem Körperverzierungsprogramm. Das Pentagramm ist mein Symbol, deshalb möchte ich es an expornierter Stelle haben. Im Moment liegen Handgelenk oder Handrücken im Rennen. Ich glaube, mein Appetit auf Körperzier liegt nicht zu letzt daran, dass ich vielleicht bald keinen Körper mehr haben werde und ich mich nochmal so richtig in meiner Leibhaftigkeit suhlen muss.
Als ich Donnerstag Morgen aufgestanden war, dachte ich einen Moment lang: Ein Piercing lohnt sich doch gar nicht mehr.
Nix da – es lohnt sich bestimmt.
Allen Piercinghassern lege ich nahe, mich nicht mit Lästereinträgen zu belästigen. (Ah wie schön die Worte zusammen passen). Die Mühe lohnt sich nicht. Erstkommentare müssen von mir frei gegeben werden, bevor sie erscheinen – und ich werde solche Einträge ohne nähere Betrachtung sofort löschen.
]]>Mein Doc berichtete mir ganz stolz von neuen, sensationellen Erkenntnis, die er vor fünf Tagen auf einem Krebskongress in den USA erfahren habe. Laut einer neuen Studie, sei die Bestimmung des Tumormarker CA-125 in der Nachsorge nicht sinnvoll, denn eine allein auf Grund einer Markererhöhung vorgenommene Chemotherapie zeige kein Vorteil für das Überleben. Dieses Vorgehen führe nur dazu, dass die Patientinnen mit zu vielen, belastenden Therapien gequält würden.
Ruhig wartete ich das Ende seines Berichtes ab, dann sagte ich trocken:“Das ist mir bekannt“.
Nein, nein, das könne mir nicht bekannt sein, da es ja die allerneuste Erkenntnis wäre, erstmals auf dem Krebskongress veröffentlicht. Mag ja sein, dass es eine neue, ultimative Studie zu diesem Thema gibt, doch die Erkenntnis ist schon lange bekannt. Ich habe im Internet einige Seiten für medizinische Fachkreise gefunden, die eben aus diesem Grund die Tumormarker-Messung in der Nachsorge ablehnen und die Patientinnen stattdessen mit einer Batterie an klinischen Untersuchungen malträtieren.
So empfiehlt das “Manual – Maligne Ovarialtumoren” des Tumorzentrums München, auf den Seiten 90/91 folgende Untersuchungen:
Was soll das alles? Bei diesem Alptraum-Programm würde ich gar nicht mehr zur Nachsorge gehen. Warum so kompliziert, wenn man es so einfach haben kann?
Die selbe Quelle gibt auch bekannt:
“Bei alleiniger Erhöhung des Tumormarkers
ohne klinisch oder apparativ nachgewiesenes
Tumorrezidiv ist nach heutigem
Kenntnisstand die frühzeitige Einleitung einer
erneuten Therapie ohne Vorteil für die Patientin”
In dem Thieme-Büchlein: Das Ovarialkarzinom, von Jacobus Pfisterer und Andreas du Bois, Stuttgart 2002, heißt es auf Seite 48:
“Bei alleinigem Tumormarkeranstieg ohne begleitende Symptome sind daher aus heutiger Sicht therapeutische Konsequenzen nicht gerechtfertigt. [...] Somit kann eine routinemäßige Tumormarkerbestimmung bei einer symptomfreien Patientin nicht empfohlen werden.”
Der Nachteil an der Markerbestimmung sei, so die Gegner der CA-125-Routine, dass die betroffenen Frauen es bei einer Markererhöhung mit der Angst bekämen und sofort nach einer weiteren Chemotherapie verlangten, die nicht indiziert sei. Fortan müssten die Frauen in Angst leben, bis später ein klinischer oder bildgebender Nachweis des Tumorwachstums erbracht sei.
Ich bin ganz und gar dagegen, die Tumormarker-Kontrolle abzubrechen. Eine bequemere Kontrollmöglichkeit für alle Seiten gibt es nicht. Eine Chemotherapie nur auf Grund einer CA-125-Erhöhung wurde sowieso nicht gemacht. Ich möchte wissen, woran ich bin. Ich möchte über den allmählich steigenden Marker informiert sein und mich so auf ein kommendes Rezidiv einstellen können.
Wenn Frauen mit der Last des Wissens ein Problem haben, so können sie sich ja gegen die Kontrollmessungen entscheiden. Ich habe meinem Arzt klar gemacht, das ich auf jeden Fall eine regelmäßige CA-125-Überprüfung haben will.
Was hier als sensationelle Entdeckung gepriesen wird, ist doch schon lange Praxis, in so fern, dass eine Markererhöhung noch nie zu therapeutischem Aktionismus geführt hat. Und auch einer verängstigten Patientin sollte ein Arzt klar machen können, dass ihr eine unbegründete Chemo keinen Überlebensvorteil bringt. Ach so, das ist ja ein Thema, über das Ärzte nicht gerne sprechen. Im Wortgetüm Überlebensvorteil schwingt ja immer der drohende Tod mit.
Nach dem ich die Sache mit dem Tumormarker klar gestellt hatte, überlegte mein Arzt, wann wir denn die nächste CT machen. Jetzt sei es noch zu früh, beim nächstenmal vielleicht?
Ähem, ist das jetzt die Konsequenz aus dem Unlieb gewordenen Tumormarker? Sollen stattdessen mehr Computer-Tomographien ins Blaue hinein geschossen werden? Sollen die Patientinnen die harmlose Blutabnahme durch eine langdauernde und belastende CT ersetzen? Ich finde eine CT sehr anstrengend, weil mir das zu trinkende Kontrastmittel Schwindel und Übelkeit verursacht und eine Kanüle in meine zerstochenen Venen geschoben werden muss.
Es soll Ärzte geben, die keinen Marker bestimmen lassen und warten, bis bei der Patientin Beschwerden auftauchen, so steht es zumindest oft geschrieben. Das finde ich fatal, denn die Metastasen mache lange keine Beschwerden. Man muss doch nicht warten, bis sich der Aszites-Bauch aufbläht oder ein Darmverschluss droht.
Es lebe der Tumormarker!
Natürlich mache ich eine CT nur, wenn CA-125 deutlich erhöht ist und nicht, weil man ja mal wieder nachschauen könnte. Ich lehne ökonomisches Geschwafel ja sonst ab, aber eine Blutuntersuchung durch eine Computer-Tomographie zu tauschen, verursacht wirklich unnötige Kosten.
In zwei Monaten soll ich wieder kommen. Also sind die Vorstellungs-Intervalle tatsächlich kürzer geworden. Vor dem Rezidiv war das Intervall drei Monate lang.
And now for something completely different …
(siehe Teil 2)
]]>Während des Walkings am 05.März unterbreitete mir Ulk die Idee, eine Gruppe für kreatives Schreiben unter dem Dach des Frauentreffs zu gründen. Der Frauentreff suche nach neuen Gruppen, um das Programm zu bereichern und die Erweiterung ihrer Räume zu rechtfertigen.
Ulk ist Mitglied in zwei Schreibgruppen und hat schon einige Lesungen gehalten. Es würde sie jedoch reizen, eine eigene Gruppe mit mir zu gründen, so hätte auch ich Gelegenheit von einer Schreibgruppe zu profitieren, weil die anderen Gruppen geschlossen waren und man ohne Weiteres nicht aufgenommen wurde.
In Hannover hatte ich zwei Schreibgruppen besucht und war von keiner besonders angetan gewesen, dennoch reizte mich die Mitgliedschaft in einem Federzirkel, weil ich dort in einer Lesung meine Werke erstmals der Öffentlichkeit hätte vorstellen können.
Die Leiterin einer eigenen Gruppe zu sein, war jedoch ungleich reizvoller. Ich hätte eine sinnvolle Aufgabe und bekäme einen kreativen Schub, der mich aus meiner Lethargie reißen könnte.
Ulk stellte den ersten telefonischen Kontakt zum Frauentreff her (fremde Leute anzurufen ist mir ein Graus) und traf dort auf Wohlwollen. Für den 01.April wurden wir zu einer Vorstandssitzung eingeladen, um unser Projekt vorzustellen.
Derweil sprachen wir während des Walkens über unsere Pläne und erstellten ein Exposé. Ulk war sehr umtriebig und legte einen Ordner mit Postkarten und einen Ordner mit Zeitungsausschnitten an, die als Inspirationshilfe dienen sollten. Dazu kamen noch anregende Begriffe auf Karteikarten. Ich beschriftete auch einige z.B. Zum Sterben schön, Ich, die Göttin, Walpurgisnacht, typisches Persephone-Zeug eben.
Der Termin am Mittwoch, 01.April, 20:00, ging glatt über die Bühne. Unser Projekt fiel auf allgemeine Zustimmung der fünf Vorstandsfrauen. Einen Text für das Programm hatten wir bereits verfasst (eine Kombi aus ihrem und meinem Text).
Wir beschlossen, einen Infoabend für Interessierte am 20.April abzuhalten.
Um die Publicity würde sich der Frauentreff kümmern. So sollte eine Pressemitteilung heraus gehen und Plakate aufgehängt werden. Wir wurden gebeten, selbst ein Plakat zu entwerfen, das dann in dem Rahmen eines Frauentreff-Plakates eingefügt würde. Bis spätestens Montag sollte das Plakat per e-mail zugestellt worden sein.
Als wir schon im Gehen waren, fragte ich, ob es eine Walpurgisnacht-Feier gäbe? Aus Zeitmangel habe man nichts geplant, wenn ich jedoch für das Programm sorgen würde, würden sie gerne eine machen. Super.
Ulk hatte die Idee für das Motto: aus dem Hut gezaubert. Wir könnten die Teilnehmer Zettel mit Schreibaufgaben aus dem Hut ziehen lassen. Ich wollte meinen Hexenhut zur Verfügung stellen.
Ulk zeichnete einen Hut, den ich einscannte und mit Paintshop pro zu einem Plakat verarbeitete.
Für den Fall, dass jemand das Plakat erst nach dem Infoabend sah und Interesse hatte, setzte ich meinen Namen und Telefonnummer zur Kontaktaufnahme drunter. Das hatte ich mit Ulk abgesprochen, da ich besser erreichbar bin als sie. (Wird später noch eine Rolle spielen).
Am 02.April rief ich Frau C. An, um mit ihr die Walpurgisnacht zu besprechen. Ich würde einen kurzen Vortrag halten, ein Ritual mit Räucherung durchführen und Musik zum Tanzen mitbringen wie Walpurgisnacht von Schandmaul oder Hexentanz von Des Teufels Lockvögel.
Am Samstag, 04.April, schickte ich das Plakat per e-mail an Frau C., die für die Pressearbeit zuständig war. Ich fragte ausdrücklich, ob das Plakat in Ordnung sei und ob meine Kontaktdaten überhaupt notwendig seien oder ob ich sie besser wegmachen solle, weil das Plakat nach dem Infoabend sowieso überklebt werden würden.
Ich erhielt keine Antwort.
Um ganz sicher zu gehen, rief ein paar Tage später bei Frau C. an. Plakat sei angekommen und in Ordnung.
Am Montag, 06.April, begann dann der Konflikt mit Ulk wegen des Dreierspaziergangs. Trotz allem kam keiner von uns der Gedanke, die Schreibgruppe zu begraben. Ob wir wollten oder nicht, wir saßen im selben Boot. Alles war in die Wege geleitet, wir konnten und wollten nicht mehr zurück.
Derweil wunderte ich mich, wieso ich an den einschlägigen Brettern kein Plakat des Infoabends zu sehen bekam. Ulk meinte, sie hängen die Plakate erst kurz vor dem Termin auf, damit sie zwischenzeitlich nicht überklebt würden. Das fand ich nicht überzeugend, denn ein Plakat muss doch eine gewisse Wirkungszeit haben und andere, schon länger hängende Ankündigungen, war auch nicht überklebt worden.
Über die unselige Besprechung des Infoabends am 15.April habe ich schon im Artikel Mitleidsshow berichtet. LINK
Ich möchte hier aber noch einmal folgendes ausführen:
Ulk erklärte, sie sei im Sommer zweimal drei Wochen im Urlaub, während dessen müsse ich die Gruppe alleine leiten.
No problem.
Überhaupt gedenke sie, sich nach ca. einem Jahr aus der Schreibgruppe zurück zu ziehen, denn sie habe die Gruppe ja nur für mich ins Leben gerufen, damit ich aus meiner Isolation heraus käme (Mitleidsnummer).
Als ich sagte, ich könne mir eine Zusammenarbeit nicht uneingeschränkt vorstellen, sagte sie, sie wäre bereit, mir die Gruppe sofort alleine zu überlassen, sie wolle sich ja nicht aufdrängen, wenn sie nicht erwünscht sei – oder so ähnlich.
Ich nahm dieses Angebot nicht sofort an, da ich das ganze Treffen mit seinen Beleidigungen und Herablassungen erstmal verdauen musste. Zudem war nicht von der Hand zu weisen, dass sie sehr viel Erfahrung und Wissen bezüglich Schreibgruppen besaß und sehr kreativ ist. Nach der nächtlichen Digestion waren sich Ratio und Gefühl einig: Ich nahm Ulks Angebot, die Gruppe alleine zu machen an, und verabschiedete mich am Donnerstag, 16.April, per e-mail aus ihrem Leben. Ich schrieb:
zu meinem Bedauern bin ich nicht sehr schlagfertig, deshalb wusste ich gestern kaum eine Antwort auf Deine wiederholten Verbalattacken.
Deine abweisende Körpersprache allein sprach schon Bände, dann der völlig überflüssige Angriff wegen meines Namens gleich zu Beginn des Gesprächs und schließlich das ganze überhebliche Zeug am Ende, von wegen, ich habe versagt, ich hätte mich selbst aus dem Spiel gerbacht, Du hättest ja so viel langsamer laufen müssen und so weiter. Das war genug!
Einer weiteren Zusammenarbeit an der Schreibgruppe sehe ich jegliche Grundlage entzogen. Ich möchte daher auf Dein gestriges Angebot zurück kommen, Dich aus der Gruppe zurück zu ziehen. Dieses Angebot nehme ich gerne an.
Ich wollte fair bleiben und dem Frauentreff nichts von unserem Streit erzählen, das ist schließlich unsere Privatsache und geht niemanden etwas an, deshalb schrieb ich weiter:
Ich möchte keinen Kontakt mehr mit Dir haben und verabschiede mich mit dieser e-mail aus Deinem Leben. Den Info-Abend am Montag und die sich daraus eventuell bildende Schreibgruppe werde ich allein über die Bühne bringen. Den Frauen vom Frauentreff werde ich erzählen, Du seist auf Grund Deiner vielen anderen Projekte abgesprungen, Du hättest Dich ohnehin nur als Initiatorin gesehen und hättest die Gruppe mir überlassen wollen. Ich hoffe, das ist in Deinem Sinne.
Und hier ist noch der Rest der e-mail:
Ich habe eine Weile gebraucht, um dahinter zu kommen, was hier eigentlich läuft. In Deiner selbstherrlichen Art, die Du seit dem Konflikt mir gegenüber an den Tag legtest, vermisste ich immer die Wertschätzung meiner Person oder zumindest die Wertschätzung unserer Gespräche während des Walkings. Ich konnte ja nicht wissen, dass das ganze nur eine große Mitleidsshow gewesen ist, eine Inszenierung, eine Verarschung, denn mir wurde Freundschaft vorgegaukelt wo keine war.
Dann habe ich mich gefragt, wieso zieht jemand so eine Mitleidsnummer ab? Dein abwertendes, unversöhnliches Verhalten mir gegenüber machte es mir klar: Narzissmus.
Nun, Du musst Dich jetzt nicht länger mit mir erbärmlichen Wurm abgeben. :-P
Ich glaube, dass Begegnungen nie zufällig sind. Jede Begegnung hat eine Botschaft, eine Lektion oder gar ein Geschenk für uns. So danke ich Dir für die Lektion, welche ich durch unsere Begegnung lernen durfte und ich bedanke mich für Dein Vermächtnis (Initiierung der Schreibgruppe), das Du mir hinterlassen hast.
Es ist bedauerlich, wie alles gekommen ist, aber der ganze Kontakt ruhte auf einem falschen Fundament und früher oder später hätte es so kommen müssen.
Es ist alles gesagt! Ich wünsche keine Antwort auf diese e-mail oder eine sonst wie geartete Kontaktaufnahme.
Leb wohl Ulrike und ein Knuddel an Paul, der mich heute bei der Buchrückgabe so freudig begrüßt hatte. In den Tieren liegt die wahre Freundschaft.
Paul ist einer ihrer Hunde, der uns beim Walken oft begleitet hatte.
Ich finde, die e-mail ist mehr als fair und höflich, wenn ich bedenke, mit welcher Überheblichkeit mir Ulk begegnet ist.
Die Lektion, von der ich in der e-mail spreche, sehe ich darin, dass ich besser los lassen können soll und mich nicht mehr abhängig von unfairen Beziehungen mache. Vielleicht bin ich in einem früheren Leben ein Narzisst gewesen oder ziehe Narzissten über meine eigenen narzisstischen Wunden an. Wie dem auch sei, I got my lesson.
Der Gedanke, den Autorenkreis alleine zu gestalten, bereitete mir Freude und Erleichterung. Als pensionierte Grundschullehrerin neigte Ulk dazu, das ganze verschulen zu wollen und zu viele Aufgaben zu stellen, anstatt die Leute einfach frei schreiben zu lassen. Zudem wollte sie den Teilnehmern wie Erstklässlern vorschreiben, sie sollen auf ordentlichen Blöcken schreiben und nicht mit einer Zettelwirtschaft anfangen. Das ist doch jedem seine Sache und ich selbst genieße meine Zettelwirtschaft.
Noch am Donnerstag schrieb ich, aufbauend auf unseres Besprechung am Mittwoch, ein Konzept für den Infoabend nieder.
Zwischendurch hatte ich mal überlegt, ob Ulk gegen mich intrigieren könnte, denn sie genießt im Kulturleben unserer Kleinstadt ein gewisses Ansehen. Aber weil mir selbst Intrigen so wesensfremd sind, hatte ich diesen Gedanken nicht weiter verfolgt.
So traf mich ihr niederträchtiger Dolchstoß unerwartet.
Während ich unseren Streit nicht nach außen tragen wollte, hatte Ulk nichts besseres zu tun, als noch am gleichen Tag, an dem sie meine e-mail erhalten hatte, zum Frauentreff zu rennen und ihnen unseren Krach zu petzen. Weiter musste sie sich dort echauffiert haben, ich besäße die Anmaßung die Schreibgruppe alleine führen zu wollen, obwohl es doch ihre Idee gewesen sei und es ihr obliege, die Schreibgruppe zu leiten.
So oder so ähnlich muss es gewesen sein, denn am Freitag, 17.April, erhielt ich ausgerechnet während meiner Kultserie Avengers einen Anruf von Frau U. Vom Frauentreff.
Ulk habe von unseren Differenzen berichtet und davon, ich wolle ohne Rücksprache die Gruppe alleine machen. Sie habe sich schon gewundert, wieso auf dem Plakat nur mein Name stünde, das sehe ja ganz nach einem Alleingang meinerseits aus.
Der Vorstand habe jedoch einstimmig beschlossen: “Wenn jemand die Schreibgruppe macht, dann Frau Ulk“, denn sie sei ja so engagiert und dem Frauentreff schon seit Jahren bekannt.
Schluck, das hatte gesessen. Ich war bestürzt. Ich sagte etwas von Intrige und dem Abgrund, der sich hinter Ulks toller Fassade verberge, aber das kümmerte Frau U. natürlich nicht, da sie Ulk nur als tolle Frau kenne.
Was sei mit der Walpurgisnacht, fragte ich. Die könne ich natürlich machen, denn das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Für mich schon.
Aha, da hatte ich also den Grund, warum das Plakat nicht aufgehängt worden war. Sogar einen Strick wollte man mir daraus drehen, der böse Alleingang. Wieso hatten sie mir dann gesagt, das Plakat sei in Ordnung? Wieso wurde mir kein Änderungswunsch mitgeteilt?
Ich spülte meine Fassungslosigkeit mit zwei Campari orange hinunter und beschloss, den Infoabend am Montag zu besuchen, um Ulk durch meine Anwesenheit zu ärgern, außerdem war ich neugierig, wie viele Leute wohl kommen mochten und wie der Abend ablaufen würde.
Frank, ein guter Freund und Raven, my very best friend, fanden meine Idee auch gut.
Gemäß meinem Plan erschien ich kurz nach 20:00 beim Infoabend und setzte mich mit einem Guten Abend an die Tischgruppe. Wie ich erwartet hatte, war kaum jemand da. Neben Ulk und Frau U. vom Frauentreff, die bei der Gruppe mitmachen wollte, saß lediglich eine Interessentin am Tisch. Ulk hatte den Tisch mit orangenen Tüchern geschmückt und einen Hut aus ihrem Fundus mitgebracht.
Die drei waren in ein Gespräch vertief und beachteten mich kaum, bis Frau U., die mich erst einmal gesehen hatte, klar wurde, wer ich bin. Sie bat mich für ein Gespräch vor die Tür. Damit hatte ich gerechnet, dennoch nervte es mich, dass ich mich für mein Kommen rechtfertigen sollte.
Warum sind sie gekommen?, fragte Frau U.
Das ist hier doch ein Infoabend und ich möchte mich informieren, entgegnete ich.
Das war ihr nicht genug der Erklärung. Falls ich übergriffig oder störend werden sollte, würde sie eingreifen und mein Verhalten zum Thema in der Gruppe machen.
Ja klar, da wird gleich vom schlechtesten ausgegangen, was ich unverschämt finde. Für wie charakterlos hält diese Frau U. mich eigentlich? Sie war zwar höflich, aber trotzdem …
Erst als ich ihr sagte, ich sei neugierig, gab sie sich zufrieden und wir kehrten in den Raum zurück.
Trotz der geringen Resonanz zog Ulk ihr Programm durch und stellte routiniert das Konzept vor, das sich nicht wesentlich von dem unterschied, war wir gemeinsam geplant hatten. Ulk gab sich in der Öffentlichkeit keine Blöße und ließ sich nicht anmerken, dass sie mein Auftauchen störte oder wir überhaupt verkracht waren. Sie weiß, sich gut in der Öffentlichkeit darzustellen.
Da wir nur vier Personen waren, probierte Ulk gleich eine Schreibübung mit uns aus. Allerdings vermischte sie dabei zwei unterschiedliche Dinge.
Cluster sind verschiedene Assoziationsketten rund um einen Begriff. Bei der Fünf-Minuten-Technik soll ohne nachzudenken innerhalb von fünf Minuten eine kleine Kurzgeschichte geschrieben werden, die direkt aus dem Unterbewusstsein aufsteigt.
Das Clustern hatte sie von mir, wahrscheinlich wusste sie nicht recht, was es bedeutet.
Ihre Vermischung führte dazu, dass Frau U. und ich clusterten, sie selbst und die andere Frau eine Mini-Geschichte schrieben.
Ulk hatte extra bei Aldi Schreibblöcke gekauft und teilte diese an uns aus.
Ich hatte zu dem Begriff Nacht geclustert und Ulk ließ sich zu einem lobenden, wie poetisch, hinreißen.
Mir fiel wieder auf, dass Ulk zwar einen flotten und humoristischen Schreibstil hat und sie gekonnt eine kleine Geschichte aus dem Hut zaubern kann, aber die Storys sind meistens leichte Kost, sehr bodenständig, ohne große Gefühle, ohne Abgründe, ohne phantastische Elemente, ohne Reflektion von Tod und Leben, ohne Gesellschaftskritik, ohne all das, was mich an einer Geschichte fasziniert.
Autoren sind verschieden.
Die zweite Übung nannte sich Dactylus. Wir sollten Worte finden, die aus einer betonten und zwei unbetonten Silben bestanden, wie z.B. Him-mel-fahrt, Tu-nicht-gut. Dabei klopften alle den Rhythmus mit Stiften auf den Tisch und riefen die Wörter in den Raum hinein.
Der Sinn dessen entschloss sich mir nicht, weshalb ich nicht mit machte.
Grummel, hoffentlich waren diese Spielchen bald zu Ende, hatte ich doch eigentlich nur den Infoabend beobachten wollen.
Nun jedenfalls sollte die Schreibgruppe wie geplant am ersten und dritten Montag im Monat stattfinden. Um weitere Interessenten zu finden, sollte noch einmal die Presse eingeschaltet und die Gruppe in das neue Programm nach den Sommerferien aufgenommen werden.
Ziemlich zum Ende des Abends sagte Ulk einen Schlüsselsatz, der mich aufhorchen ließ. Sie meinte, die Teilnehmer könnten auch zu zweit arbeiten. Ein Dialog ließe sich gut zu zweit schreiben, damit das Schreiben aus der Vereinsamung raus kommt.
Ich dagegen glorifiziere die Einsamkeit des Schriftstellers.
Es hätte mir sicher gefallen, eine Schreibgruppe zu leiten, aber meiner schriftstellerischen Arbeit hätte es kaum genutzt. In diesen Gruppen werden Kurzgeschichten geschrieben. Ich bin jedoch ein Romancier. Kurzgeschichten schreibe ich nicht gerne und noch weniger lese ich sie gern. Um mein Werk weiter zu bringen, muss ich mich in die Einsamkeit des Schriftstellers zurück ziehen. Eine Schreibgruppe würde mich dabei sogar stören. Jetzt genieße ich sogar die Freiheit, mich nicht um die Gruppe kümmern zu müssen.
Ich bin froh, ein wendiger Zwilling zu sein, der sich gut auf neue Situationen einstellen kann.
Der Abend war um 21:30 zu Ende. Ich ging als erste, von meinem Tschüß wurde kaum Notiz genommen.
Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, den Infoabend zu besuchen. Danach konnte ich das Kapitel Ulk und Schreibgruppe gut abschließen. Wäre ich nicht hingegangen, hätte ich noch eine Weile gegrübelt, wie es wohl abgelaufen sei und wie groß die Resonanz gewesen sei.
Jetzt blieb nur noch eine Sache zu klären, die Walpurgisnacht.
Nach allem bisher erlebten, kann ich nicht mehr behaupten, dass ich mich im Frauentreff sicher und willkommen genug gefühlt hätte, um einen öffentlichen Vortrag und Ritual zum Besten zu geben. Der Vertrauensvorschuss, den man sich gibt, wenn man sich nicht kennt, war aufgebraucht. Es war zwar fair vom Frauentreff, die Walpurgisnacht aus den Querelen um die Schreibgruppe heraus zu halten, aber für mich ist das eben alles miteinader verbunden.
Ich schrieb eine Absage per e-mail an die Pressestelle und forderte eine Empfangsbestätigung an, die ich auch bekam. Erledigt.
Es ist für mich eben doch am schönsten, frei von Verpflichtungen zu sein.
Zum Schluss noch ein paar Sätze zum Thema narzisstische Störung.
Ich habe in einem Artikel von Prof. Dr. Volker Faust über den Narzissmus einige Sätze gefunden, die gut auf Ulks Verhalten mir gegenüber zutreffen. Es gibt aber auch jede Menge, das nach meiner Erfahrung mit Ulk wahrscheinlich nicht auf sie zutrifft. Sie trägt z.B. ihre Grandiosität nicht ständig vor sich her.
Ich vermute, dass sie nicht eine narzisstische PS hat, wohl aber eine brennende narzisstische Wunde, die ich zufälligerweise getroffen habe.
Prof. Faust schreibt:
Dazu ein eigenartiger Mangel an Empathie, also Zuwendung und Hilfsbereitschaft,
verbunden mit der Ablehnung, die Gefühle und Bedürfnisse anderer
zu erkennen, anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren. Dabei aber
selber leicht kränkbar und ggf. nachtragend.
Ulk ist nie auf die Idee gekommen, anzuerkennen, dass ich bezüglich meiner zwischenmenschlichen Kontakte andere Bedürfnisse als sie hatte. Mein Bedürfnis nach Zweier-Beziehungen wurde als symbiontische Bedrohung abgetan. Auf der anderen Seite ist sie völlig unversöhnlich, weil ich ihrem Bedürfnis nach dem Dreierspaziergang nicht nachgekommen bin.
Schließlich eine überhebliche, arrogante, hochmütige Wesensart, die nebenbei nur recht schwer zu durchschauen ist
Oh ja, hochmütig ist sie mir gegenüber gewesen. Nur würde mir das keiner glauben, weil sie nach außen hin so liebenswürdig und engagiert ist.
Nun denn, zwischenzeitlich hatte mich Ulks Verhalten tief getroffen, aber ich bin nicht mehr wir früher den Abgrund hinab gestürzt. Es ist bedauerlich, dass menschlich Begegnungen wiederholt nach so kurzer Zeit in Streit und Kontaktabbruch enden. Natürlich frage ich mich, was mein Beitrag zu den unglücklich verlaufenden Beziehungen ist. Ich kann jedoch nicht finden, dass ich die Konflikte durch mutwilliges Fehlverhalten provoziert hätte. Alles, was ich tue, ist, mir selbst treu zu bleiben und mich nicht Situationen auszusetzen, die mir nicht gut tun – wie Dreierspaziergänge.
Ich denke, im Gegensatz zu Ulk habe ich mich fair verhalten und Charakterstärke bewiesen.
Alles andere ist Karma.
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