Einem Planktonteilchen gleich strudele ich richtungslos durch die Meere des Lebens, ausgeliefert den Strömen und Winden des Schicksals, schiffbrüchig verloren in den Mahren der Nacht.
War ich nicht eben noch froh gewesen, dass mich die Fügung aus der Sackgasse meines Arbeitsverhältnisses bei Remondis befreit und mich vor einem chloroformierten Dahindämmern bewahrt hatte?
War ich nicht eben noch froh gewesen, dass mich der zweite Mondknoten zur beruflichen Neu-Orientierung zwang?
Doch es navigiert sich schlecht, wenn einem das Schiff unter den Füßen zerschellt ist und alle Kräfte von dem Kampf gegen den Ertinkungstod absorbiert werden. Da lag ich erschöpft auf einer Schiffsplanke als ein Programmheft des Bildungsvereins in meine Hände trudelte. Mögen meine Kräfte auch noch so sehr beansprucht sein, Bildung sauge ich auf wie ein ausgetrockneter Schwamm, und die günstigen Preise der angebotenen Kurse ließen sich sogar mit meinen bescheidenen finanziellen Resourcen bezahlen.
Entdecke DEINE Möglichkeiten!
Berufliche und persönliche Zukunftsvisonen
“Was macht mich zufrieden und was kann ich dazu tun? Welche meiner Anteile habe ich berücksichtigt und welche sind zu kurz gekommen? Was möchte ich noch erreichen? Gibt es Alternativen und was kann ich tun, um nicht nur zu träumen?”
Liegt in diesem Seminar ein mir bisher verborgenes Navigationsinstrument verborgen?
It is worth a try, dachte ich mir und so paddelte ich am Freitagabend (23. September) zum Auftakt der Wochendveranstaltung in das von den Schatten der Eilenriede behütete Hauptquartier des Bildungsvereins in der Hannoverschen Oststadt.
Dozent Bodo Hammen und meine 12 Kommilitonen erwiesen sich als ebenso sympathisch wie die Tatsache, dass wir trotz des günstigen Preises mit Kaffee, Tee, Wasser, Apfelsaft Keksen und Salzstangen versorgt wurden, um den Blutzuckerspiegel auf einem Gehirnprozess-freundlichen Niveau zu halten.
Eine persönliche Berufungsberatung, wie ich mir das erwünscht hatte, konnte eine solche Gruppenveranstaltung natürlich nicht leisten. Doch allein schon durch die Kommunikation mit anderen Menschen, durch das sich spiegeln im Gegenüber können wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden.
Bodo stellte uns eine Abfolge von Zielfindungstechniken vor.
Zunächst sollten wir uns an eine Tätigkeit erinnern, in der wir im flow waren, in der wir ganz und gar aufgingen, so dass wir Zeit und Welt um uns herum vergasen. Wenn wir im flow sind, bedeutet das, dass wir gerade einer Tätigkeit nachgehen, die uns Freude macht und die sich mit unseren Begabungen deckt.
Wir fanden uns zu Zweier-Teams zusammen und hatten nun die Aufgabe, uns gegenseitig bei der Analyse dieser flow-Erlebnisse zu coachen. Ziel war es, die im flow vollbrachte Tätigkeit in ihre vielen Einzeltätigkeiten aufzuschlüsseln. Nimmt man diese Analyse bei mehreren flow-Erlebnissen vor und gewichtet die so gefundenen Einzeltätigkeiten durch bilateralen Vergleich, so ergibt sich ein umfassendes Mosaik der persönlichen Begabungen.
Meine Analyse von zwei flow-Erlebnissen, dem Nähen von Star Trek Kostümen und dem Schreiben von Texten, ergab folgendes Begabungsbild in absteigender Gewichtung:
Als nächstes wählten wir uns ein persönliches Ziel aus und schickten dieses durch das sogenannte Walt-Disney-Modell. Dabei schlüpft jeder für sich zunächst in die Rolle des Träumers und Ideengebers, der kühn vor sich hinspinnt. Danach begeben wir uns in die Rolle des Kritikers, der die Träume einer nüchternen Realitätsprüfung unterzieht und sie auf Durchführbarkeit hin korrigiert. Anschließend wird das so bearbeitete Ziel der dritten Rolle, dem Macher und Umsetzer übergeben, der sich Gedanken über die konkrete Umsetzung machen soll.
Weit hilfreicher als das Walt-Disney-Modell fand ich persönlich die Überprüfung des Ziels mit Hilfe der logischen Ebenen.
Umwelt: Wann? Wo? Mit wem? – Raum, Ort, Zeit
Verhalten: Was tue ich? – Worte, Gestik, Mimik
Fähigkeiten: Wie? – Strategien, Denken, geistige Ebene
Werte, Glaubenssätze: Warum? – Überzeugungen, Motivation
Identität: Wer bist du? – Rolle, Selbstbild, Auftreten
Zugehörigkeit: Wofür? – Verbundenheit
Sinn: Wofür noch? – Ethik, Vision
Durch die logischen Ebenen lassen sich zum einem bisher unbekannte Hindernisse finden, die dem Ziele im Wege stehen, zum anderen lassen sich damit größere Ziele gut in kleinere Teilziele aufspalten.
Die Prüfung meines Zieles, Schreiben und Veröffentlichen von Texten, brachte folgendes Ergebnis:
Umwelt: zu Hause, möglichst sofort, zunächst alleine
Verhalten: ich setze mich an meinen PC und haue in die Tasten
Fähigkeiten: Schreiben und formulieren kann ich gut, es ist jedoch sinnvoll, mir journalistische Techniken anzueignen und einen entsprechenden Kurs z.B. in der vhs zu belegen
Glaubenssätze: “Ich weiß, dass ich nichts weiß”, wie oft schon vereitelte dieser mir eingeprägte Glaubenssatz, dass ich mich überhaupt auf den Weg gemacht habe. Schreiben gehört zu den wenigen Dingen, von denen sogar ich überzeugt bin, dass ich es kann.
Identität: Mit der Rolle der Schriftstellerin kann ich mich ganz und gar identifizieren
Zugehörigkeit: Ich gehöre dann zur Gruppe der depressiven Schriftsteller, die ihren Dämonen durch das Schreiben zu entfliehen suchen und fände mich in der illustren Gesellschaft von Franz Kafka, E.A. Poe, Baudelaire und meinem geliebten Hermann Hesse, um nur wenige zu nennen.
Sinn: “The idea that madness and creative genius are related predates modern psychiatry.[..] For example, Nancy Andreasen interviewed a group of creative writers and found abnormally high levels of mood disorder in both the wirters and their relatives”.
Zitiert aus Richard P. Bentall: “Madness explained – Psychosis and Human Nature”, Penguin Books
So sind die Seelenschmerzen der Preis für die Begabung oder die Begabung die Entschädigung für die Seelenschmerzen und dies gibt mir einen tröstenden Sinn.
Der Zielfindungsprozess schließt mit dem Formulieren eines positiven, aktiven und kurzen Zielsatzes: Ich schreibe wohlformulierte Texte
Ursprünglich hatte ich erwartet, dass wir weniger analytisch sondern viel intuitiver und spielerischer an die Entdeckung unserer Möglichkeiten herangehen würden und vielleicht via Traumreise ein wenig in den unentdeckten Regionen unserer Seele herumgekramt hätten, doch diese unterweltliche Herangehensweise konnte ich von einem Wirtschaftspädagogen natürlich nicht erwarten. Macht ja nix, die Analyse-Welle warf uns alle ans gewünschte Ufer.
Viel wichtiger als das Erlernen der Zielfindungsmethode war für mich jedoch die gleich am Freitagabend vorgenommene Unterscheidung zwischen Zielen und Wünschen.
Ziele: aktiv durch eigenes Tun erreichbar
Wünsche: werden erfüllt durch Dritte oder Glück, bin passiv, habe keinen Einfluss darauf
Wenn ich nun also das Ziel habe, durch das Schreiben von Texten meinen Lebensunterhalt zu verdienen, so vermischen sich hier Ziel und Wunsch. Das Schreiben selbst hängt nur von mir selbst ab, das ist ein Ziel. Doch jemanden zu finden, der mir dafür Geld gibt, das ist ein Wunsch.
Es ist ja leider das Problem, dass hinter den meisten wirklich bedeutsamen Lebenszielen ein Wunsch steht. Dieser Umstand ruft in mir regelmäßig ein quälendes Gefühl von Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein hervor und hat mich oft von dem Verfolgen eines Zieles abgehalten. Durch das Bewußtwerden im Seminar bin ich nun in der Lage, zwischen Ziel- und Wunschanteil zu unterscheiden, so dass ich mir in Zukunft hoffentlich nicht mehr die Schuld für unerfüllte Wünsche aufbürde und mich andererseits nicht mehr von der Realisierung des Zielanteiles abhalten lasse.
Die in esoterischen Kreisen kursierende Vorstellung von der kompletten Eigenverantwortlichkeit für das eigene Leben, weil man nach dem Resonanzprinzip ja nur anziehe, was man selber ausstrahle und schließlich könne man die Erfüllung aller Wünsche beim Universum bestellen, halte ich für fatal. Wieviel Verantwortung kann ich wirklich übernehmen für all die Ungeister, die in meinem Unterbewußtsein herumspuken und somit meiner Beeinflussung entzogen sind ? Zudem erschaffen sich solche Ungeister häufig durch die Wechselwirkung mit anderen Menschen, z.B. prügelnden Eltern, wie viel Verantwortung tragen dann die Eltern und wieviel ich selbst an der Erschaffung des Ungeistes?
Ein schwieriges Thema, welches den Rahmen dieses Weblog-Eintrages sprengt.
Mein Tagesziel für heute habe ich zumindest erreicht. Ich habe diesen Weblog-Eintrag geschrieben, den Newsletter auf der website http://autorenforum.de abonniert (Dank an Toulexis für diese Empfehlung) und eine e-mail an einen Verlag geschrieben, der auf obiger website empfohlen wurde und welcher in einem Jahrbuch honorarfreie Beiträge von Menschen veröffentlich, die wie ich manchmal über den Abgrund fallen.
Menschen dazu zu bringen, mir meine Wünsche zu erfüllen, wird sicher nie Eingang in mein Begabungen-Repertoire finden und die Wunscherfüllungsquote meines Lebens ist traurig gering, doch das Angehen der Ziele gibt mir zumindest das gute Gewissen alles in meiner Macht stehende getan zu haben.
Danke an Bodo Hammen für das tolle, hilfreiche Seminar!
Der Beitrag wurde am Sonntag 25. September 2005 um 20:41 veröffentlicht und wurde unter Persephones Perspektive abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare sind derzeit geschlossen, aber Du kannst einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
:smile: Bisher hast Du ja Bildung wie ein ausgetrockneter Schwamm aufgesaugt. Du steckst so randvoll davon, dass es jetzt eigentlich nur noch darauf ankommt, den Schwamm dazu zu bringen, wieder etwas preiszugeben. Das Talent zum Schreiben hast Du zweifellos, und noch dazu jede Menge Phantasie. Daraus folgt:
1) Du kannst das.
Da Du nun auch konkrete Schritte in Richtung Umsetzung eingeleitet hast, und somit der Reflektion die Aktion folgen lässt, wage ich hiermit die Prognose:
2) Du schaffst das!
Ich wünsche Dir dabei viel Durchhaltevermögen und natürlich auch etwas Glück. Das Erste steht in Deiner Macht, das Zweite nicht. Aber nicht umsonst gibt es die Redewendung vom “Glück des Tüchtigen”, mit der ich meinen Optimismus noch einmal unterstreichen möchte. Und als Liebhaber wohlformulierter Texte schließe ich noch einen Wunsch an: please keep me informed!
[...] Heute erhielt ich einen besonderen Brief, einen Brief, den ich mir am 25. September 2005 in dem Zielfindungs-Seminar “Entdecke Deine Möglichkeiten” geschrieben hatte. Der Seminarleiter hatte uns damals dazu angeregt, uns selbst einen Brief zu schreiben, den er in Gewahrsam nahm und nach einem halben Jahr abschicken wollte – sozusagen als Erinner-Mich für die Ziele, die wir im Seminar bearbeitet haben. Ich hatte das nicht vergessen und schon ein bißchen auf den Brief gewartet, zweifelnd, ob der Seminarleiter tatsächlich Wort halten würde. Erfahrungsgemäß stehen die Leute ja selten zu ihrem Wort. Doch Dozent Bodo Hammen gehört hier zu den rühmlichen Ausnahmen. Allerdings war ich dann doch überrascht, wie viel und wie herzzerreißend ich geschrieben habe. Ich möchte daher nur den Schluss des Briefes hier wiedergeben: [...]