Endlich ist er da. Am Freitag, 11.01.2008, lag mein Schwerbehindertenausweis im Briefkasten. Das Feststellungsverfahren hat sehr lange gedauert. Bereits am 27.Juli 2007 hatte ich den Antrag an das Versorgungsamt Hannover geschickt. Hätte ich nur die Krebserkrankung angegeben, wäre das Verfahren sicher schnell über die Bühne gegangen, aber weil ich wollte, dass auch meine Psycho-Störungen Rücksicht finden, hat das ganze ziemlich lange gedauert, da mein Psychologe eine Weile gebraucht hat, bis er seine Unterlagen einschickte.
Nun ist es also amtlich verbrieft, dass ich ein hundertprozentiger “Krüppel” bin. In dem hochamtlichen Schreiben heißt es:
Ab 27.07.2007 beträgt der Grad der Behinderung (GdB) 100.
Die Entscheidung stützt sich auf folgende Funktionsbeeinträchtigung: Verlust der Gebärmutter und Eierstöcke, Blinddarm und Bauchnetz.
Die folgende zusätzlichen Funktionsbeeinträchtigung wirkt sich auf den Gesamt-GdB nicht erhöhend aus: Depression, Borderlinestörung.
Die Funktionsbeeinträchtigung Verlust der Gebärmutter und Eierstöcke, Blinddarm und Bauchnetz befindet sich zur Zeit noch im Stadium der Heilungsgewährung. Daher wird die Funktionsbeeinträchtigung, obwohl dies durch die derzeitigen tatsächlichen Auswirkungen nicht gerechtfertigt ist, zunächst mit einem höheren GdB -als zustehend- bewertet. Nach Ablauf der Heilungsgewährung, die in ihrem Fall im Monat 06/2012 endet, wird der GdB überprüft und entsprechend der dann noch verbliebenen tatsächlichen Funktionsbeeinträchtigung gegebenenfalls neu festgestellt werden.
Das Beamtenkauderwelsch des letzten Absatzes bedeutet, dass ich einen Bonus wegen der Lebensgefahr einer fortgeschrittenen Krebserkrankung bekomme. Sollte innerhalb von fünf Jahren kein Rezidiv auftreten, gelte ich als vom Krebs geheilt und es wird nur noch der Organverlust als solcher bewertet, der laut Katalog ziemlich niedrig angesetzt wird.
Seltsam finde ich allerdings, dass der Krebs mit keinem Wort erwähnt wird.
Natürlich gehorcht die Bürokratie weder den Gesetzen der Logik noch des gesunden Menschenverstandes. Letztlich behindern mich Organverlust und Krebs wenig, was mich zeitlebens jedoch behindert und ein normales Leben unmöglich gemacht hat, sind die psychischen Beeinträchtigungen, die sich offenbar beim GdB nicht weiter auswirken. Das kann natürlich daran liegen, dass ich allein durch den Krebs schon 100% bekommen habe.
Wie schwachsinnig das ganze System ist, zeigt sich daran, dass die arme Raven, die seit mehr als 15 Jahren mit einer chronischen Schmerzerkrankung kämpft, nur lächerliche 30% bekommen hat, obwohl sie durch ihre Schmerzen weit mehr beeinträchtigt ist als ich. Die Privilegien der Schwerbehinderung werden erst ab einem Gdb von 50 gewährt, so dass ihr die 30% überhaupt nichts bringen.
Falls es mit der Rente nicht klappen sollte, verspreche ich mir von der Schwerbehinderung eine Schwervermittelbarkeit auf dem Arbeitsmarkt und mehr Rücksichtnahme auf meine seelische Konstitution, die z.B. eine Arbeit in einem Callcenter oder generell mit Kunden unmöglich macht.
Ein enormer finanzieller Vorteil ist die Möglichkeit eine besondere Wertmarke für den öffentlichen Nahverkehr zu erwerben. Das ist so eine Art Monatskarte für nur fünf Euro. Zum Vergleich, eine reguläre Monatskarte in der Tarifzone nach Ffm kostet: 106,80 €
Bei einem Einzelfahrscheinpreis von 3,60€ je Strecke lohnt sich diese Wertmarke schon, wenn ich nur einmal im Monat nach Frankfurt fahre.
Ebenfalls am Freitag lag die Bewilligung meiner Rehamaßnahme seitens der Rentenversicherung im Briefkasten.
Meine Begeisterung für die Reha hält sich allerdings in Grenzen, weil ich diese mehr aus taktischen Gründen beantragt habe, um meine Krankschreibung so lange wie möglich hinauszögern zu können und weil ich bekanntlich eine Rente kassieren will, wobei ich mir diesbezüglich nicht allzu große Chancen einräume, da ich die Welt prinzipiell als feindlich empfinde.
Aus der Bürokratie werde ich nicht schlau, da sie sich jeglicher rationalen Erfassung entzieht. Ich weiß nicht, wieso der Rehagenehmigung Formulare beilagen, die ich doch schon ausgefüllt mit dem Rehaantrag abgegeben habe. Ich weiß auch nicht, was ich mit den Formularen für den Arbeitgeber anfangen soll, weil ich seit 01.01.2008 glücklicherweise keinen Arbeitgeber mehr habe. Auch frage ich mich, wieso kein Hinweis auf den Zuzahlungsbefreiungsantrag zu finden ist, den ich gestellt habe. Ich bin so gut wie bankrott und kann mir eine Zuzahlung von 10 Euro am Tag nicht leisten.
Fragen über Fragen, dabei bin ich bekanntlich nicht dumm und im Ausfüllen von Behördenanträgen erfahren. Aber dieser Rehaantrag-Irrgarten überfordert mich, so dass ich nächste Woche mal wieder einen Termin bei der Krebsberatungsstelle machen werde.
Dem Schreiben der Rentenversicherung lag eine Broschüre mit dem Titel Leistungen zur medizinischen Rehabilitation bei. Igitt, dieses Pamphlet hätte von der Erzfeindin meiner Romanprotagonistin verfaßt worden sein können und erinnert mich an die Werbeblättchen für die Aktion in meinem Buch: Villendorf will schlanker werden.
Es kommt im Oberlehrerstil daher und legt besonderes Gewicht auf die böse falsche Ernärhung.
Hier ein paar Zitate des Gesundheitsterrors:
“Jeder weiß, wie schwierig Gewichtsabnahme sein kann, wenn man auf lieb gewordene Ernährungsgewohnheiten verzichten muss. Daher bedarf es Ihrer aktiven Mitarbeit, damit die Bemühungen unserer Ernährungsteams in der Rehabilitation nicht fruchtlos sind.”
“Nach den Vorschriften des Sozialgesetzbuches sind Sie verpflichtet, an Ihrer Rehabilitation aktiv mitzuwirken. [...] Wir bitten Sie, sich aktiv an dem Prozess zu beteiligen und die Hinweise des Rehabilitationsteams zu beachten. [...] Verhindern oder beeinträchtigen Sie durch fehlendes Mitwirken die Durchführung oder den Erfolg der Rehabilitation können die Leistungen vorzeitig beendet werden.”
“In unserer Zivilisationsgesellschaft ist hauptsächlich die Überversorgung mit Nahrungsmitteln für die schlimmsten Ernährungsfehler verantwortlich. [...] Umso wichtiger ist Vorbildfunktion der Reha-Einrichtungen bei der Gestaltung der Ernährung und der Ernährungsschulung während Ihrer Rehabilitation.”
“Ernährungsumstellung ist mühsam und unbequem. Zu schwer ist es, von lieb gewordenen Gewohnheiten (das Stückchen Kuchen am Sonntagnachmittag) Abschied zu nehmen.”
Mon dieu, nicht mal am Sonntagnachmittag darf man sich ein Stück Kuchen gönnen, das ist Diät-Diktatur in Höchstform.
Na ja, so geht es immer weiter in der sehr motivierenden Broschüre.
Ich habe immer noch nicht verstanden, was diese Gesundheits-Tyrannei eigentlich soll. Zu keinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte war die Lebenserwartung so hoch wie heute. Mehr noch, die Lebenserwartung steigt immer weiter rapide an, innerhalb von zehn Jahre um zwei Jahre. Die Lebenserwartung eines neugeborenen Mädchens beträgt über 82 Jahre. (So stand es zumindest in der Apothekenumschau). Um die Gesundheit der Bevölkerung kann es also nicht so schlimm bestellt sein.
Ganz entsetzt wird in den Medien gerne gejammert: Oh Gott, Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs sind die beiden häufigsten Todesursachen. Na und? An irgendetwas müssen die Menschen doch sterben. Jede Epoche hat die Krankheiten und Todesursachen, die sie verdient. Vor ein paar Hundert Jahren starben viele Menschen auch in jungen Jahren an Infektionen. Das passiert heute nicht mehr. Die Menschen werden gerade auch wegen der besseren Ernährung (!) immer älter und dann sterben sie naturgemäß eben in höherem Alter an Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs.
Fast könnte man meinen, es sei moralisch verwerflich an einem Herzinfarkt zu sterben, weil dies bedeutet, dass man sich nicht gesund genug ernährt und zu wenig Sport getrieben hat, mit anderen Worten: man hat schwere Sünden gegen die Gesundheitsreligion begangen. Der Tod gilt nicht mehr als natürliches Ziel des Lebens sondern als persönliches Versagen durch falsche Lebensführung, der so lange wie möglich vermieden werden soll. So wird das Leben zum reinen Sterbevermeidungsprozess degradiert.
Es gibt natürlich noch ein grundsätzliches Problem, welches ich mit der Reha habe:
“Ziel der Rehabilitation der Rentenversicherung ist die Wiederherstellung beziehungsweise wesentliche Besserung der Erwerbsfähigkeit.”
Das ist meinem Rehaziel, die Feststellung der Erwerbsunfähigkeit, natürlich diametral entgegengesetzt. Ich schwimme also mal wieder gegen den Strom, so wie ich es immer tue, das ist der Preis des unkonventionellen Denkens, denn diese Lebensweise verbraucht natürlich mehr Energie als wenn man sich immer brav mit der Masse mittreiben läßt. Kein Wunder also, wenn ich mit knapp 40 schon kriegs- und lebensmüde bin.
Bei der Wahl der Reha-Einrichtung hatte ich einen Wunsch geäußert, weil ich die Reha nur in einer anthroposophischen Klinik machen will: Schloss Hamborn in der Nähe von Paderborn. Das anthroposophische Repertoire kenne ich von meiner Zeit im Waldorflehrer-Seminar und es ist durchweg in Ordnung für mich, besonders gerne mache ich Eurythmie. In konventionellen Reha-Einrichtungen wird man mit diesem total bescheurten Walking-Kult genervt. Gehen ist die natürliche Fortbewegung des Menschen. Ich gehe, weil ich von A nach B gelangen will, oder ich gehe spazieren, weil ich mich am Naturerleben erfreuen will. Aber stapfe bestimmt nicht verbissen, künstlich mit den Armen schlackernd oder gar bewaffnet mit Nordic Walking Sticks durch die Gegend. Walken um des Walkens Willen, pfui Teufel.
In der Rehabroschüre wird man sogar aufgefordert, Sportkleidung mit zu nehmen. Da ich keine Sportkleidung besitze, werde ich das natürlich nicht tun. Zur Eurythmie ziehen sich die Anthroposophen wallende Gewänder an, hier bin ich mit meinem Kleidungsstil richtig.
Leider habe ich nur wenig Erlebnisberichte über Reha in Schloss Hamborn gefunden. Zwei Stimmen im Krebskompassforum haben sich negativ geäußert, das gibt mir zu denken. Es ist ja oft so, dass sich in der Theorie alles toll anhört, aber die Praxis ganz anders aussieht. Ich habe bedenken, ob ich überhaupt eine Art Einzelgesprächstherapie bekomme, was für mich die einzige Gelegenheit ist, mein Arbeitsproblem zu schildern. Andererseits ist es bei mir ja meistens anders als bei den anderen und bis auf meine Ergophobie bin ich seelisch wie körperlich nicht geschwächt und schon gar nicht habe ich die für Krebspatienten typischen Todesängste.
In Infobroschüren über Reha war bisher immer von drei Wochen Dauer die Rede. In meinem Bescheid stehen jedoch vier Wochen. Das ist mir eigentlich zu lange. Ich kenne mich, da ist der Klinikkoller vorprogrammiert und ich möchte nicht so lange von meinem Daemon ;-), meinem Kater Q getrennt sein.
Meine größte Angst ist es, dass ich in der Reha zu irgendetwas gezwungen werden soll, was ich nicht tun möchte (z.B. Ernährungskurse, *schüttel*) und ich mal wieder kämpfen muss, um mich zu behaupten. Als non-konforme Einzelkampf-Veteranin kann ich das zwar gut und wehe dem, der Bekanntschaft mit der Walküre macht, aber es sind ja gerade diese Kämpfe, deren ich so überdrüssig bin.
Einen Antrittstermin für die Reha habe ich noch nicht. Vielleicht wird es ja auch ganz gut und es gefällt mir, ein ganzes Therapeutenteam für mich arbeiten zu lassen :-) und gegen meinen Dickkopf ist noch niemand angekommen.
Der Beitrag wurde am Samstag 12. Januar 2008 um 18:22 veröffentlicht und wurde unter Persephones Perspektive abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare sind derzeit geschlossen, aber Du kannst einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
Willkommen im Club der Krüppel!
Wenn wir das nächste Mal in Urlaub fahren, muss ich die Rücksäcke schleppen, Dein GdB ist exorbitant höher als meiner.
Demnächst kannst Du in der U-Bahn Leute von Schwerbehindertensitzen verscheuchen. :twisted: Die Geld-Ersparnis in vielen Fällen ist natürlich auch schön. Ich bin besonders neidisch auf den Extra-Urlaub und die Verkürzung der Wochenarbeitszeit, die Dir theoretisch zuständen, wenn Du noch arbeiten gehen würdest.
Ich denke, die Psycho-Störungen wurden tatsächlich deshalb nicht berücksichtigt, weil Du schon 100% hast. Es ist zwar immer schwer, die zu beweisen und anerkannt zu bekommen, aber es geht. Ich kenne jemanden, der allein wegen Sozialer Phobie und Depression 80% bekommen hat.
Sollte meine Depression irgendwann ein Rezidiv haben, werde ich mit Hilfe des VdK auch einen neuen Antrag stellen, denn die allein kann 40% bringen. Dann komme ich zusammen mit der Schmerzstörung vielleicht auch über die magische 50%-Grenze. Jetzt hätte das keinen Sinn, denn seit dem Widerspruchsbescheid kam nur die Depression dazu und die Prognosen sind für mich nach dem Klinikaufenthalt momentan gut.
Du hast natürlich recht, so habe ich nichts davon und die Gewichtung der unterschiedlichen Krankheiten und Handicaps hat mit der Einschränkung im Alltag nicht viel zu tun. Ich zitiere: “Schmerz ist ein Zustand, keine Behinderung.”
Schwachsinnige Bürokratie halt.
Igitt, Ernährungskurse in der Reha! (Du brauchst dringend noch einen Smilie, der sich übergibt, den bitte hier dazudenken.) Na das kann ja heiter werden, mir sträubt sich ja schon alles, wenn ich nur daran denke. :neutral:
Dieser schwachsinnige Gesundheits-Terror wird ja schon zur Religion erhoben. Für die Gesundheits-Apostel scheint es undenkbar zu sein, dass es durchaus intelligente Menschen gibt, die wissen, was sie zu tun hätten, um schlank und fit zu sein bzw. zu werden, dies jedoch ablehnen, weil sie vielleicht andere Prioritäten setzen und sich lieber mit für sie wichtigeren Dingen beschäftigen, weil sie vielleicht andere Schönheitsideale haben oder vielleicht einfach, weil sie gar keinen Wert darauf legen, steinalt zu werden – ich jedenfalls kann gut damit leben, nur 60 oder 70 zu werden. Mit meinen derzeitigen Erkrankungen wäre das sogar ein guter Wert – oder mir sogar schon zu viel, je nachdem, wie man das sehen mag.
Unsereins macht Sport nur dann, wenn er Spass macht – wie Schwimmen in der Ostsee oder regelmäßig im Schwimmbad – und isst viel Gemüse und gesundes Zeug, weil es uns einfach schmeckt und es Seele und Körper gut tut. :cool: Das tun jedoch auch Chips und Schokolade :razz: , ganz im Gegenteil zu häufigem Training in Mucki-Buden. Und Nordic Walking ist der größte Schwachsinn, der je erfunden wurde. Ich kann nur lachen über die Gestalten, die sich für so vorbildlich und fit halten, weil sie am Wochenende mit ihren Stöckchen durch den Wald hetzen, während sie den Rest ihrer Zeit selbst zum Briefkasten um die Ecke mit dem Auto fahren. Unsereins hat kein Auto und läuft täglich vermutlich mehr Kilometer als solche Leute in der ganzen Woche.
Und Du hast natürlich Recht, an irgendwas müssen die Leute schließlich sterben. Egal, wie gesund man lebt, der menschliche Körper verschleisst nun einmal über die Zeit. Die wenigsten, auch die Gesundheitsaposten unter den Alten, entschlummern ohne krankheitsbedingten Grund einfach über Nacht in ihren Betten.
Ich wünsche Dir natürlich kein Depressions-Rezidiv, aber dafür um so mehr, dass Du eines Tages auch einen Behindertenausweis mit den entsprechenden Privilegien, vor allem mehr Urlaub, bekommst, denn für Deine SChmerzerkrankung und psychischen Beeinträchtigungen hast Du das weit mehr verdient als viele andere Krankheiten wie z.B. Diabetes, die viel höher bewertet werden.
Ich will ja nicht so sein, auch wenn mein GdB höher ist, solltest Du gerade Kopfschmerzen haben, schleppe ich trotzdem unsere Badesachen beim nächsten Ostseeurlaub oder Schwimmbadbesuch
Hinter diesem Gesunde-Ernährungs-Wahn steckt meiner Meinung nach Methode. Damit kann man den Leuten ein schlechtes Gewissen machen und ihnen den Schwarzen Peter für ihre Befindlichkeitsstörungen zuschieben. Damit wird dann von krankmachenden Arbeitsbedingungen abgelenkt. Wenn mich etwas krank macht, dann bestimmt nicht der Verzehr von Schokolade, Kuchen oder Chips sondern entwürdigende, wesensfremde, rhythmusvergewaltigende Arbeitsumstände, wie sie im Callcenter herrschten.
Es geht in die Köpfe der Gesundheitsprediger nicht rein, dass mir Lebensqualität über Lebensquantität geht. Es ist doch völlig absurd bei durch Diät und Sport verschlechteter Lebensqualität auch noch länger leben zu müssen
Durch die Wahl der anthroposophischen Klinik wird mir der große Sportterror wahrscheinlich erspart bleiben. Dort gibt es Eurythmie, Wassergymnastik und leichte Morgengymnastik, das ist alles OK. In allen anderen Rehakliniken werden die Leute zum Walken geschickt, widerlich.
Ich weide mich jetzt schon an den Blicken, wenn ich im bodenlangen, schwarzen Samtkleid zur Gymnastik erscheine :twisted:
Nach wie vor habe ich eigentlich keine Lust auf Reha, weil Reha ein Instrument des Leistungssystems ist. Ich habe kein Interesse daran, gesund zu sein, weil mir das nur Nachteile bringt und ich mich gerne exkarnieren möchte. Aber noch sind meine Aufgaben nicht abgeschlossen und ich muss noch hier bleiben.
Halle Persphone,
bezüglich der Reha, kann ich Dir aus meiner Erfahrung schreiben:
Solange Du krank geschrieben bist – kannst Du keine Reha machen. D.h. Du wirst am Tag Deines Antrittes in diese Reha mit Sicherheit “gesundgeschrieben” werden. Und aus der Reha wirst Du erwerbsarbeitsfähig entlassen werden (egal wie es Dir geht). Denn das ist das Ziel einer Reha……. und schon wegen der Statistiken machen die das so.
Wenn Du einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellen willst, dann besprich das mit Deinem Arzt. Am besten ist, Du beschreibst all’ das über Dein Leben so, wie Du es hier getan hast (schriftlich). Und dann stell schnellstmöglich den Antrag.
Im Prinzip hättest Dir den Antrag auf Reha sparen können……und wenn Du es nicht willst, lass Dich einfach weiter krank schreiben von Deinem Arzt.
Grüsse von Ariane
@Ariane:
Nun ja, ganz so ist es nicht.
Die Rentenversicherung verfährt nach dem Prinzip: Reha vor Rente. Wer also einen Rentenantrag stellt, wird automatisch erstmal in Reha geschickt. Um die Reha komme ich auf dem Weg zur Rente also keinesfall herum. Andererseits ist es jedoch viel einfacher eine Rente zu beantragen, wenn man aus der Reha arbeitsunfähig entlassen wird. Es mag sein, dass die Reha-Ärzte ihre Patienten lieber arbeitsfähig entlassen, weil das ja Ziel der Reha ist, aber ich habe von vielen Krebspatienten gehört, dass sie laut ärztlichem Bericht nur noch so wenige Stunden arbeiten dürfen, dass sie unter die Erwerbsunfähigkeit fallen. Natürlich habe ich mich auch zuvor bei einer Krebsberatungsstelle über meine Möglichkeiten informiert und auch hier wurde mir zu dem Weg über die Reha geraten.
Mag sein, dass das alles nicht zu meinen Wünschen ausgeht, aber es ist zumindest einen Versuch wert, denn mein Arzt kann mich nicht ewig krankschreiben und es ist an der Zeit, meine Verhältnisse neu zu regeln.
[...] Wie ich schon im letzten Blogeintrag geschrieben habe, ist eine Rehabilitation ein Instrument des Leistungssystems. Es geht dabei nicht um meine Gesundheit und schon gar nicht um mein Wohlbefinden oder gar mein Lebensglück oder meine Selbstverwirklichung. Es geht einzig und allein um die Bereitstellung meiner Arbeitsfähigkeit, die dann in einem billigen, völlig unangemessenen Job verheizt werden kann. Deshalb ist es oberste Bürgerpflicht durch einen gesunden Lebenswandel zum Erhalt des Sklavenpotentials beizutragen. So steht allen ernstes auf einem der vielen Zettel, die meiner Reha-Genehmigung beilagen: [...]
[...] ich mich mal schlau machen, welche Rendite die Versicherungen die letzten Jahrzehnte erwirtschaften konnten mit ihren Anlagemix-Arten. Und ich würde mich bei Gelegenheit auch gleich mal über die [...]
das hört sich sehr dramatisch an, aber so pessimistisch denke ich auch. bin seit einem jahr wegen schwerster depri und angs und sozialphobie etc, krankgeschrieben, habe 8 wo stationär und 8 wochen teilstationär hinter mir und musste nach aufforderung meiner gkv einen rehaantrag stellen, der natürlich bewilligt wurde, wie auch sonst. da ich aus meinem negativstrudel nicht rauskomme, ghe ich grundsätzlich davon aus, danach gesund geschriewben zuwerden, aber da auch tretmühle-mobbing und nicht mehr das leid anderer ertragen zu können zu all dem geführt haben, werde ich nie in meinem leben merh an meinen alten klinikarbeitsplatz mit der “nur umdrehen und inden Rücken-fall-mentalität” zurückkehren können.habe auch noch andere erkrankungen neuromuskulärer art und warte seit einem jahr auf meinen schwerbehindertenausweis, der hilft wahrscheinlich auch nicht viel weiter, hatte mir eingebildet, frrüher in rente gehen zu können als mit 67……. versorgunsamt meinte…. relativ unbekannt, wurde aber mit neuem rentenrecht geändert, mehr urlaub muss reichen….. wie kann ich verhindern, nach reha arbeitsfähig zu sein? fühle mich seit positiven bescheid wiedermal fremdgesteuert und habe panik, sobald ich den postbboten sehe.
Hallo deadline,
ich kann Deine Ängste bezüglich der Reha und das Gefühl fremdgesteuert zu sein natürlich bestens verstehen. Ich finde es eine unverschämtheit, dass man überhaupt zu einer Reha gezwungen werden kann. Da bestimmt dann die Krankenkasse für mindestens drei Wochen über Deinen Aufenthaltsort – eine moderne Form von Leibeigenschaft. :wut
Ich halte ein Reha für rausgeworfenes Geld, wenn der Patient selbst nicht motiviert ist und sowieso nicht zur Arbeit zurückkehren möchte, weil gerade die Arbeit ihn krank gemacht hat.
Ich höre immer wieder von Menschen, die mit ihrem Leben zufrieden wären, wenn nur die blöde, nicht wesensgemäße Arbeit nicht wäre. ![]()
Ich musste ein halbes Jahr auf meinen Schwerbehindertenausweis warten. Zumindest war bei mir die Sache klar, bei fortgeschrittenem Krebs bekommt man den auf jeden Fall. Finde ich ein Unding, dass Du so lange warten musst, weil Du das Pech hast nicht die “richtigen” Krankheiten zu haben, die offenbar beim Versorgungsamt nicht so anerkannt sind. Es ist doch pervers, dass eine Schwerbehinderung nicht vom persönlichen Leidensdruck sondern von einem bürokratischen Krankheitskatalog abhängt.
Die Angst vor schlechten Nachrichten im Briefkasten packt mich in unklaren Zeiten immer wieder. Als ich einen Brief von der Krankenkasse mit Aufforderung, einen Rehaantrag zu stellen, bekam, hatte ich einen Nervenzusammenbruch.
Trotz allem kann ich Dir etwas Mut machen:
Ich wurde erwerbsunfähig aus der Reha entlassen und beziehe jetzt eine befristete Rente.
Normalerweise versuchen die Ärzte in der Reha, die Entlassung in Übereinstimmung mit dem Patienten zu machen. Wenn Du den Ärzten klar machen kannst, dass die Arbeitsaufnahme zu einer Krise führen wird, dann hast Du eine Chance.
Ich wünsche Dir alles Gute, anerkannte Schwerbehinderung und eine Rente. :rose
Hallo Persephone,
Schön, das Du geantwortet hast, musste beim letzten mal ein wenig die Frust-Angst loswerden.
Mein Problem beim erwerbsunfähig entlassen werden ist, dass ich mit Sicherheit aufgefordert werde, einen Rentenantrag zu stellen, und das gerade mal mit zum 3. Mal 39….. .
Da kann man natürlich fragen:na und?
ist aber ein wenig komplizierter, da ich im ausland lebe, und ab Renteneintritt im Ausland krankenversichert sein werde. Da bleibt die Frage: zahlen die mir weiter meine deutschen Ärzte etc. etc.
Ich bin auch immer wieder hin und her-gerissen, was mein Beschäftigungs-verhältnis angeht, ich bin fast unkündbar festangestellt, könnte theoretisch nach 3 Jahren sagen: so, wiedereingliederung, unsetzung, blablabla….
ist mir aber momentan einfach zuviel, darüber nachzudenken, bin so mit mir selbst beschäftigt, zwangsweise durch die “anderen ” vorgegeben, die alle nur mein bestes wollen…. ich analysiere schon selber mein handeln und denken, und frag mich, in welchem falschen film ich gelandet bin. und immer die frage nach den zielen…. kann ich nicht mehr hören! kann man nach burnout nicht einfach mal das ziel haben, in ruhe gerlassen zu werden, ohne zu denken: oh gott, ich kann ja weder ein noch drei ,7…. konkrete ziele formulieren…. also schon wieder nicht den Anforderunge gerecht werden, ergo nicht therapiefähig… ziel wäre, herauszufinden , was ich will, wer ich bin, womit ich einigermaßen leben kann. :psychiater
.. ist aber therapeutisch bei einer Berufs-Reha zu esoterisch, weiss ich jetzt schon..
die bieten mir dann wahrscheinlich klöppel-kurse an…. :diplom wäre bei meinem perfektionismus nebst jodeldiplom auch eine möglichkeit…
Auch Dir die besten Wünsche und noch viele positiven Erfahrungen!
übrigens: die Reha ist für 8 Wochen angesetzt……