“Die spinnen, die Oberweltler”, entfleucht es mir Geschöpf der Unterwelt, wenn ich beobachtend durch die Oberwelt streife. Einige dieser Beobachtungen verdienen es, in meinem Logbuch niedergeschrieben zu werden.
In den unsicheren Zeiten sinkender Nettolöhne, steigender Abgabenlast und drohender Arbeitslosigkeit haben sich viele Menschen die Schnäppchenjagd als Überlebensstrategie erkoren.
Nun gilt seit alters her als 1. Gesetz der Schnäppchenjagd: Wer zuerst kommt malt zu erst. Berüchtigt sind diesbezüglich die Schlachten, die sich Hausfrauen beim Sommerschlussverkauf an den Wühltischen um die billigste Unterhose lieferten. Längst zur Legende geworden sind die nächtlichen Belagerungen vor dem ALDI-Discounter zwecks Eroberung eines der begehrten Volks-PCs.
Doch wenn sich die Schnäppchenjäger in die unbekannten, furchteinflössenden, virtuellen Weiten des Internets begeben, schrumpft das letzte Bisschen Hirn der Oberweltler zusammen und läßt sie die Gesetze vergessen. So ist es zu beobachten auf der Service-Line der Billigfluglinie Hapag Lloyd Express, für die ich als Callcenter-Agent arbeite, um meine mageren Arbeitslosengeld-Bezüge auf zu bessern. Besonders grauenvoll wird es dann, wenn HLX mal wieder breitgefächert in den Medien zur special Schnäppchenjagd aufruft: “HLX-Geburtstagsaktion 300.000 Tickets zu 0€”
Die erste Verwirrung entsteht, wenn die Kunden herausfinden, dass es die Tickets natürlich nicht wirklich um sonst gibt sondern sie noch Steuern und Gebühren hinzu zahlen müssen, an denen HLX allerdings nichts verdient. Solche Aktionen lösen einen Ansturm auf die HLX-website aus, die den Server zusammenbrechen läßt. Folglich rufen die Kunden wutschnaubend im Callcenter an und bleiben in der scheinbar endlosen Warteschleife hängen. Falls sie genug Geduld aufbringen und irgendwann doch von einer netten Stimme begrüßt werden, erhalten sie den nächsten Schock: die Null-Euro-Flüge sind zur gewünschten Zeit auf der gewünschten Strecke schon von bösen Mitjägern weggebucht worden. Diese Niederlage erzeugt in den Betroffenen Schmach und offenbar Unzurechnungsfähigkeit. So beschuldigen sie HLX und seine Angestellten des Betruges und werfen uns persönlich vor, Lügner zu sein.
Dazu läßt sich folgendes erwidern:
Immer wieder bemängeln die Kunden, dass sie Flüge nicht stornieren können oder wenigstens einen Teil des Flugpreises erstattet bekommen. Was aber würde passieren, wenn es die Stornomöglichkeit gäbe? Die Leute würden wild in der Gegen herumbuchen, Hauptsache erstmal Billigflüge an sich raffen, hinterher kann man sich aus dem Hort das passenste Flüglein aussuchen. Alle Schnäppchen wären noch schneller ausgebucht, die Jagdverlierer wären noch ungehaltener und wegen der vielen Stornobearbeitungen müsste HLX das Personal verdoppeln und wäre ganz schnell pleite.
All diese Dinge sollten jedem, zum logischen Denken fähigen Wesen, einleuchten. Doch wo Geiz ist geil regiert, ist die Logik ausgeschaltet.
Die Gebühreneinzugszentrale der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gehört neben dem Finanzamt sicher zu den unbeliebtesten Institutionen Deutschlands.
Klar, die GEZ will jeden Monat Geld: immerhin 17,03€.
Nun kann man sich über Sinn oder Unsinn einer solchen Gebühr streiten und darüber, ob man neben dem Privat-TV überhaupt noch öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten haben will. Doch was die GEZ zum Hass-Verein der Deutschen macht ist weniger ihre Existenz an sich als die Mafiamethoden, mit denen sie arbeitet.
Jeder weiß von den zwielichtigen Drückergestalten, die um Häuser schleichen, sich die Nase an Fensterscheiben platt drücken, in der Erwartung ein “illegales” Fernsehgerät zu erspähen, die an Haustüren Sturm klingeln und sich wie die Geheime Staatspolizei gebahren, verschüchterten Zeitgenossen Unterschriften abdrücken, obwohl diese doch schon längst brave Gebührenzahler sind.
Die GEZ mag ihre Methoden mit der hohen Zahl der Schwarzseher rechtfertigen, denn freiwillig angemedelt hat sich kaum jemand, ich auch nicht. Eine Entspannung der Beziehung Bevölkerung zur GEZ wird von der GEZ indessen mutwillig untergraben. Fröhlich tanzt die GEZ ganz legal dem Datenschutz auf der Nase herum:
Was mich aktuell auf die GEZ aufmerksam gemacht hat, war mein Vorhaben, mich wegen meiner Arbeitslosigkeit von der GEZ-Gebühr befreien zu lassen. Während meiner letzten Arbeitslosigkeit im Jahr 2002/03 war dies ohne Probleme möglich. Ich musste dazu ein eigens dafür eingerichtetes Amt aufsuchen, dort meinen Arbeitslosengeld- und Wohngeldbescheid vorlegen und bekam sofort meinen Freischein, mit dem ich zudem bei der Telekom den Sozialtarif beantragen konnte.
Doch mit Inkrafttretten des neuen Staatsvertrages am 01.04.2005 ist für die GEZ eine schöne, neue Welt angebrochen.
Bezieher von ALG I sind seither genauso wenig befreiungswürdig wie Bezieher geringer Arbeitsentgelte. Befreien lassen können sich nur Bezieher von ALG II, Sozialhilfe, Grundsicherung und Schwerbehinderte. Es kommt also nicht auf die Höhe des Einkommens sondern auf die Art des Einkommens an. Der Befreiungsantrag muss jetzt direkt bei der GEZ gestellt werden und wie man sich vorstellen kann, gibt es dabei nur Probleme. Da die GEZ päpstlicher als der Papst ist, akzeptiert sie nur beglaubigte! Kopien der ALG II Bewilligungsbescheide. Die GEZ wähnt sich offenbar, etwas ganz Besonderes zu sein.
Auf der GEZ-website heißt es:
“Die Befreiung beginnt mit dem Ersten des Monats, der auf den Monat folgt, in dem der Antrag gestellt wurde und der Vordruck bei der GEZ eingegangen ist. Eine rückwirkende Befreiung ist nicht zulässig, auch wenn die Befreiungsvoraussetzungen bereits zu einem früheren Zeitpunkt vorgelegen haben.”
ALG II Bescheide werden jedoch meistens zu spät zugestellt und nur für einige Monate ausgestellt, so dass Hartz IV Empfänger ihren Befreiungsantrag ständig wiederholen müssen und am Ende immer wieder für einen Monat GEZ-Gebühr zahlen müssen, weil ihnen der neue ALG II Bescheid noch nicht vorliegt. Dank dieser feindseligen Praxis wurde die GEZ mit einer Prozess-Flut überschwemmt. Rechtsanwälte und Richter wollen schließlich auch was zu tun haben.
Als Fazit bleibt: Die sozialen Verhältnisse in Deutschland verschlechtern sich immer weiter, mal schleichend, mal rasend. Die Bezüge werden immer weniger, die Lebenserhaltungskosten steigen (man denke an die verteuerten Energiepreise und die drohende Mehrwertsteuer-Erhöhung), gleichzeitig werden Voraussetzungen für Zahlungsbefreiungen immer weiter verschärft, neben der GEZ denke man hier z.B. an Zuzahlungen für medizinische Behandlungen.
Da kann ich nur wiederholen: Die spinnen, die Oberweltler.
Der Beitrag wurde am Sonntag 13. November 2005 um 16:35 veröffentlicht und wurde unter Persephones Perspektive abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare sind derzeit geschlossen, aber Du kannst einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
Ja, das kommt mir sehr bekannt vor. Ich erinnere mich da z.B. an eine nervende Streiterei im FedCon-Forum, wo einige Fans sich beschwerten, weil sie nichts mehr abbekommen haben, da sie zu spät dran waren. (Ich weiss nicht mehr genau, ob’s um günstige Tickets oder Autogrammgutscheine ging, jedenfalls etwas, was ziemlich schnell ausverkauft war.) Diese Leute nörgelten dann ewig herum, wie unfair das doch zugegangen wäre, und haben irgendwelche Gründe angebracht, wegen der sie nicht wie die Glücklichen schnell zugreifen konnten, z.B. dass sie sich nicht ein Jahr im Voraus zur Veranstaltung anmelden könnten wegen Arbeit, Kinder, sonstwas.
Fand ich wirklich witzig, weil so ziemlich niemand weiss, was in einem Jahr ist. Jeder Con-Gänger muss sich auf Risiko anmelden, niemand weiss so lange im Voraus 100%ig, ob er an den Tagen Urlaub bekommt, er einen Baby- oder Catsitter findet oder vielleicht bis dahin von Außerirdischen entführt wird.
Wenn Aldi billige Rechner raushaut, interessiert es die Verkäufer auch herzlich wenig, ob irgendjemand keinen mehr bekommen hat, weil er arbeiten musste oder der Bus zu spät dran war.
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Eigentlich ziemlich gerecht.
Aber bei den Nörglern ist das alles natürlich besonders schlimm, und sie verlangen dann Sonderregeln, damit sie doch noch ihr vermeintliches Recht bekommen. Ist ja Betrug sonst.
Und von der GEZ will ich gar nicht erst anfangen… Mich nervt es schon lange, so viel Geld zahlen zu müssen, obwohl ich die öffentlichen Fernsehsender so gut wie nie nutze. Wenn ich die Wahl hätte zwischen den Sendern und dem Geld, würde ich mich für letzteres entscheiden. Aber die hat man hierzulange ja nicht wirklich, es reicht ja, wenn ein Gerät potentiell TV- oder Radio-Sender empfangen könnte.
Wenn es gerecht wäre – ein angemessener Betrag monatlich, vielleicht 5 Euro, pro Haushalt und nicht pro Gerät, wirklich nur für Grundversorgung wie Nachrichten oder Dokus – kein Problem.
Aber mich ärgert es ungemein, so viel Geld zu zahlen, um damit irgendwelche Wasserköpfe zu finanzieren (z.B. doppelt vorhandene Nachrichtenstudios, Auslandskorrespondenten) oder Dinge, die alles andere sind als die im Staatsvertrag erwähnten “Grundversorgung” (z.B. Unsummen für dämliche Fußballspiel-Rechte, Musikantenstadl, Wetten daß…).
@ Raven
Ja diese Schnäppchen-Raffgier-Mentalität ist wirklich obernervig.
5€ GEZ Gebühr wären Ok für Nachrichten, Reportagen, Dokumentationen. Ihre Fussballübertragungen oder Wetten dass Sendungen können sie sich sonst wo hinschieben. Das schlimme an der GEZ-Gebühr ist ja gar nicht mal das es sie überhaupt gibt, sondern die überzogene Höhe, die unlauteren Methoden der GEZ-Drücker und dieses alle Ausquetschen wollen. Es ist doch ein Witz, dass im selben Haushalt wohnende Kinder, wenn sie Geld verdienen, extra GEZ bezahlen müssen.