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Der Ossi Gehaltsschocker

27. November 2005

Der Ossi-Gehaltsschocker

Die Vorboten des Tages, welche als Traumbilder aus meinem Unterbewußtsein aufspukten, gaben mir schon zu denken. Ich träumte, meine Oma, Kategorie: böses, verschlingendes Mutterobjekt, dränge mich in eine Ecke und wolle mich verhören. Das ganze hatte Albtraum-Qualität, so dass ich mich mit einem lauten, katzenverscheuchenden Schrei in das Wachbewußtsein retten musste.
Ach wie gerne hätte Klein-Persephone im Bettchen weiter mit Tigertier Thara gekuschelt, doch ihre großen Schwestern erhob sich brav mit dem Weckerpiepsen aus den Kissen und der Kleinen blieb nichts anderes übrig, als ihnen in die gruselige Oberwelt zu folgen.

Ein Gruppen-Bewerbergespräch bei der Firma regiocom GmbH stand auf der Agenda des 23.11.2005.
Die regiocom GmbH ist eine aufstrebende Ossi-Firma aus dem schmucken Magdeburg, die es den Besserwessis mal so richtig zeigen will was Ossis drauf haben und nun ganz stolz in den Westen expandiert. Mein Ex hatte mich zweimal durch die verfallenen Straßenzüge Magdeburgs mit dem Endzeit-Ambiente geschleppt. Wer einen Vorgeschmack auf die Apokalypse haben will, dem sei ein Besuch empfohlen.

Ich hatte mich auf folgende Anzeige beworben:

Stellenanzeige

Da ich Berufserfahrung aus den Bereichen Customer Care und Billing (Rechnungsstellung) mitbringe, rechnete ich mir gute Chancen aus, zumindest zu einem Vorstellungsgespräch geladen zu werden. Dieses Ansinnen wurde mir sogar durch eine deutliche Botschaft aus der geistigen Welt bestätigt.
Es kam, wie es kommen musste: Ich wurde zum Bewerbergespräch im Tagungshotel Park Inn in Hannover-Lahe geladen. Und so bahnte ich mir den Weg durch den frühmorgendlichen November-Nebel und den Scharen von Yuppies, die in anderer Mission die Gänge des Tagungshotels bevölkerten, bis ich endlich im Raum “Athen” angelangt war.
Alles war ordentlich hergerichtet: auf den Tischen lagen Schreibblöcke und Kulis bereit, jede Bewerberin wurde mit einem Namensschildchen markiert und zum Wachwerden wurde Kaffee gereicht.
Die Personalreferentin von regiocom mit dem niedlichen Ossi-Akzent begrüßte uns freundlich, schilderte in wenigen Sätzen die Geschichte ihrer Firma und meinte dann, sie wolle die Vertragskonditionen offen auf den Tisch legen, danach könne jede Bewerberin entscheiden, ob die Bedingungen für sie in Frage kommen. Wer schon so beginnt, ist sich im Klaren darüber, dass er nicht viel anzubieten an.
Et voil� , hier sind die Konditionen:

  1. Vetrag befristet auf ein Jahr
  2. die ersten 14 Tage gelten als Probearbeitsverhältnis, denn nach Abschluss der Schulung muss ein Test bestanden werden, der über die Fortführung des Arbeitsverhältnisses entscheidet
  3. 40 h Woche im Schichtdienst inklusive Nachtschicht, Feiertage und Wochenenden, aber ohne Gehaltszuschläge
  4. Arbeitszeit am Wochenende beträgt 12h (!) am Stück, dafür gibt es einen zusätzlichen Tag frei
  5. 24 Tage Urlaub im Jahr
  6. und das Ganze zum sensationellen Gehalt von 1.550 € brutto

Dabei bekommen die gierigen Wessis schon eine extra Zulage von 350€, die Ostmenschen müssen mit einem Gehalt von 1.200€ brutto auskommen.
Man hörte es das Rattern und Quietschen der emsig arbeitenden Gehirne: 1550€, meint die jetzt brutto oder netto, muss ja brutto sein, denn Nettogehälter sind variabel. Oh mein Gott, was kommt da netto raus? Huch, davon kann ich meine Kosten nicht decken, wo doch alles teurer wird, und dann auch noch dieser harte Schichtdienst. Was ist, wenn der Vertrag nach einem Jahr nicht verlängert wird und ich arbeitslos werde? Das Arbeitslosengeld wäre dann zu gering zum existieren …...

1.550€ Bruttogehalt ergeben ca. ein Nettogehalt von 1.080€, das reicht zwar zum Existieren, aber als Schmerzensgeld für gesundheitszermalmenden und lebenszeitstehlenden Schichtdienst inklusive Gefahrenzulage für Kundendauerbombardement ist dieses Gehalte ein schlechter Witz.:mad:

Von den 10 geladenen Damen entschlossen sich 6 zur Flucht, auch ich gehörte zu den Flüchtlingen. Schade eigentlich, denn immerhin sind in Hannover 30 Stellen zu besetzen, die Chance auf einen neuen, teilzeitfähigen Job wäre also gut gewesen, doch zu diesen Zwangsarbeiter-Konditionen bin ich nicht zu haben. Vor dem Hotel unterhielt ich mich noch einige Minuten mit den anderen Flüchtlingen, die über dieses Angebot ebenso wie ich richteten.
Aus Erfahrung weiß ich, dass solche Hunger-Gehälter in der Kundenbetreuung üblich sind. Auch mein Minijob-Arbeitgeber TV Travelshop wird seine Vollzeitkräfte nicht (viel) besser bezahlen. Einsichtig sind mir diese Hunger-Gehälter nicht, denn ein Job an der Front mit ständigem Kundenkontakt ist anstrengend, erfordert schnelle Auffassungsgabe, flexibles Denken, Einfühlungsvermögen, Geduld und vor allem 100% Konzentration.
Sehr anspruchsvoll bin ich bei der Gehaltsfrage ja gar nicht, 1.800 € brutto wären ja OK gewesen, aber es gibt eben eine Schmerzgrenze. Wir erleben zur Zeit ja das Phänomen, dass bei stetig steigenden Unkosten (man denke an die Energiepreise und die kommende Mehrwertsteuererhöhung) die Gehälter ebenso stetig sinken. Auch mein Ex erlebte das Phänomen, dass er zwar diverse Jobangebote für eine Außendiensttätigkeit in der Versicherungsbranche hatte, jedoch zu so schlechten Konditionen, dass er davon nicht seinen Lebensunterhalt hätte bestreiten können.

Schon einmal hatte ich den Fehler begangen, aus lauter Not einen solch schlecht bezahlten Callcenter-Job bei der hire-and-fire Firma Sykes anzunehmen. Der Job war mir so zu wieder, dass ich sogar meine Ärzte-Allergie überwand und mich mehrmals krank schreiben ließ, zum Vergleich: bei meiner geliebten IT-Firma hatte ich mich sogar mit einer niederschmetternden Lebensmittelvergiftung, die weniger robuste Konstitutionen in den Tod raffen kann, zum Dienst geschleppt. Bei Sykes schaffte ich es als Pünktlichkeitsfanatikerin sogar, mehrmals zu spät zu kommen und mich dermaßen im Dienstplan zu vertun, dass ich einen Tag gar nicht erschien, bis die endlich die Gnade hatten, mir die Kündigung per Boten zu zustellen.
Das Schicksal winkte warnend mit dem Zaunpfahl: Die Arbeitsräume der regiocom in Hannover seien in der Sutelstraße. Eben hier war einst auch Sykes angesiedelt, bevor sie sich 2003 aus dem Staub machte. Wahrscheinlich hatte sich regiocom in dem selben Gebäude wie seinerzeit Sykes niedergelassen – allein das ließ nichts gutes Ahnen und bestärkte mich in meiner Entscheidung zur Flucht.
8h Kundendienst am Tag bedeuten extrem viel Stress, und eine gestresste Borderlinerin kann die Welt in Angst und Schrecken versetzen, das will ich doch keinem antun … :mrgreen:

Ja ja, ich sehe schon den erhobenen Zeigefinger der EINS: “Geh arbeiten Kind, jede Arbeit ist doch besser als keine Arbeit”.
Sorry Herr Oberlehrer, mein trotziges VIERER-Gemüt findet es schlimm genug, zu lebenslanger Erdenhaft verdonnert zu sein. Ich will aus der Erdenhaft nicht auch noch ein Arbeitslager machen. :shock:

Tags darauf (24.11.2005) hatte ich das nächste Vorstellungsgespräch bei der Firma Tandem. Lustigerweise hatte ich mich dort gar nicht beworben, aber eine PVA (Private Arbeitsvermittlung) hatte meine Unterlagen an Tandem weitergeleitet. Die Firma entpuppte sich als Zeitarbeitsunternehmen für gewerbliche Mitarbeiter. Ich kam mir vor wie im falschen Film als ich einen Personalbogen mit Angaben über Gabelstaplerschein, Schweißtechnik, Hobeln und anderen Tätigkeiten aus einer exotischen Welt ausfüllen sollte und überlegte wie ich mich hier wieder rauswinden konnte, denn der nächste Gehaltsschocker war vorprogrammiert.
Doch manchmal kommt es anders als man denkt. In meinem Fall wollte sich Tandem als direkter Personalvermittler betätigen. Nun mal sehen, was daraus wird.
Eigentlich habe ich keinen Bock mehr auf 8h öder Dauerarbeit tagein tagaus. Allein schon dieses Gefangensein in irgendwelchen öden Büroräumen, während man vom Leben draußen gar nichts mehr mitkriegt. Und 8h am Stück kann sich sowieso kein Mensch auf das selbe konzentrieren.
Am liebsten möchte ich es so lassen, wie es jetzt ist: 12h Callcenter, ein- bis zweimal pro Woche Nachhilfe und zweimal abends Waldorf-Seminar, das ist wenigstens abwechslungsreich. Eine 40h Woche in sinnentleerter Tätigkeit halte ich für eine Zumutung, als wäre das Leben auf dem Planet der Bescheuerten und Bekloppten nicht schon Zumutung genug! :evil:

Der Beitrag wurde am Sonntag 27. November 2005 um 18:49 veröffentlicht und wurde unter Aus der Unterwelt abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare sind derzeit geschlossen, aber Du kannst einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

5 Kommentare

  • RavenRaven sagt:

    Bevor ich für einige Wochen von der Aussenwelt abgeschnitten bin :cry:, ein letzter Kommentar:

    Ich kann jeden verstehen, der so einen Job nicht annimmt. Das Gehalt ist ja wohl ein schlechter Witz für die Konditionen, da habe ich in der Ausbildung ja fast schon mehr netto übrig gehabt.

    Einmal mehr bin ich froh, einen so sicheren und gut bezahlten Job zu haben. In der freien Wirtschaft hätte ich gesundheitliches Wrack mittlerweile ohnehin nicht mehr viel Chancen, und bei solchen Anekdoten kann einem ja nur angst und bange werden.
    Hauptsache, die Leute sind aus der Arbeitslosenstatistik raus! Ob sie für ihren Lebensunterhalt aufkommen können, ist dabei zweitrangig. Genauso ist die heutige Meldung aus dem Radio zu verstehen: Arbeitslosenzahlen leicht gesunken, auch Dank Ein-Euro-Jobs. Juhu!

    Bald haben wir amerikanische Verhältnisse, und jeder braucht zwei Jobs, um halbwegs über die Runden zu kommen. Laut Statistik werden es immer mehr… Und an die klassische Aufgabenteilung von früher – Mann geht arbeiten, Frau sorgt sich daheim um Haushalt und/oder Kinder – ist bei den meisten auch nicht mehr zu denken. Nicht, weil jede Frau erpicht auf Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung ist, sondern weil der Mann allein die Familie schlicht nicht mehr durchbringen kann.

    Ein Beispiel: Mein Kollege Stephan hat in seiner ersten Zeit bei uns als Absolvent der 6-Monate-Schnellausbildung monatlich sagenhafte 900 Euro netto nach hause getragen für einen anspruchsvollen Job á 38,5 h pro Woche als Programmierer, Berater und technischer Projektleiter. Davon kann natürlich niemand leben, die Frau brachte den großen Rest des Geldes herein. Also wurden ein Krippenplatz und eine Tagesmutter benötigt, und sein Anfahrtsweg war auch nicht klein. Da Betrug die Differenz zwischen dem Betrag ohne seine berufliche Tätigkeit und mit nur noch 300 Euro.
    Zum Vergleich: Seine Mutter hat es früher in einem Halbtags-Job in der Sparkasse früher nicht nur geschafft, sich selbst und ihre Kinder als Alleinerziehende zu versorgen, sondern auch noch ein Reihenhäuschen abzubezahlen.

    Und da wundert sich einer noch, warum die Deutschen immer weniger Kinder in die Welt setzen… :roll:

  • PersephonePersephone sagt:

    Ich wußte gar nicht, dass 1€ Jobber aus der Arbeitslosenstatistik rausfallen, da zeigt sich mal wieder, wie leicht Statistiken zu manipulieren sind. Einen 1€ kann doch nicht wirklich als Erwerbsarbeit bezeichnen, das ist Sklaverei!
    Meine Devise ist ja immer: Ich bin arm an Geld aber reich an Zeit! Ich habe gar kein Bedürfnis danach reich an Geld und arm an Zeit zu sein. Und schon gar will ich arm an Zeit und arm an Geld sein, das wäre ja der Hohn. Meine zwei Jahre bei Remondis haben mir gezeigt, welche Qual ein öder Job bedeutet, deshalb suche ich mir meinen neuen Arbeitgeber genau aus und nehme nicht irgendwas an, nur um eine Arbeit zu haben, weil das heute so verlangt wird.
    Mit einem Halbtags-Job ein Reihenhäuschen finanzieren? Das ist wirklich undenkbar geworden. Schon mit zwei Vollverdiener ist das heute extrem riskant, denn wer eben noch einen guten Job hatte kann morgen schon auf der Straße sitzen.
    Für Dich bin ich froh, dass Du Beamtin bist. In der freien Wirtschaft würdest Du als chronisch kranker Mensch wahrscheinlich Probleme bekommen :roll:
    Derweil lügt die neue Regierung immer noch von zu schaffenden Arbeitsplätzen, die es gar nicht geben kann. :???:

  • EdEd sagt:

    Ich war drei Jahre bei Remondis. Habe jetzt gekündigt und einen neuen Job angenommen. Remondis war mein dritter und schledchtester Arbeitgeber . Ich rate jedem ab bei dieser Firma anzufangen!

  • PersephonePersephone sagt:

    @Ed: Congratulation zum neuen Job. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach war, eine neue Stelle zu finden. Zum Arbeitgeber Remondis kann ich auch meiner Erfahrung sagen: Kollegen und Chef in der Niederlassung waren in Ordnung, doch von der Zentrale wurde ich verarscht. Statt einer Gehaltserhöhung nach der Probezeit oder bei Verlängerung meines Vertrages gab es eine erhebliche Gehaltskürzung, die mich natürlich extrem demotiviert hatte. Stress hatte ich bei Remondis nicht, eher im Gegenteil quälende Langeweile.

  • MosesMoses sagt:

    Guten Tag,

    das erzählen von Ossi-Witzen kann doch sehr gefährlich sein. In einem Artikel unter http://heuteblog.de/2006/06/08/ habe ich gelesen, dass ein Wessi von einem Ossi erstochen wurde, weil dieser mehrere Ossi-Witze auf einer Party von sich gegeben hat. Wirklich unglaublich, scheint aber zu stimmen, da auch eine Zeitung darüber berichtet hat.

    Also schön aufpassen, sonst gibt es Messer.

    Gruss

    Moses

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