Ein Callcenter gehört zu den best kontrollierten Arbeitsplätzen, die es überhaupt gibt. Jeder Callcenter-Agent logt sich mit seiner Kennnummer in das Telefon und das Computersystem ein, so dass die Arbeitsleistung eines jeden Mitarbeiters genau nachvollzogen werden kann:
In einem Callcenter gibt es bestimmte Zielvorgaben, die erreicht werden sollen. Diese Zielvorgaben betreffen z.B.
Das alles macht einen Callcenter-Job bei hohem Gesprächsaufkommen zu einer kraftraubenden Akkordarbeit. Die oben aufgeführten Listen beinhalten all das, was ich so sehr an der oberweltlichen Arbeitszeit verachte: umfassende Überwachung, Zeit ist Geld, Leistung, Leistung, Leistung, schnell schnell ganz viel.
Doch manchmal ist das Leben für eine Überraschung gut. Heute lauerte der Callcenterchef in der Nähe meines Platzes und wartete, bis ich ein Gespräch beendet hatte. Ich dachte schon, schluck, was will der denn von mir. Zu meiner Verwunderung bedankte er sich bei mir. Die Leistungsauswertung der Mitarbeiter habe ergeben, dass ich mit Abstand die Beste sei. Es sei unglaublich, was ich in meiner 4h Stunden Schicht alles wegarbeite.
Huch, damit hatte ich natürlich nicht gerechnet, fühle ich mich doch vom Leben ermattet und torkele dreimal die Woche sehr schlaftrunken zu meiner Schicht von 8:00 bis 12:00. Sicher freue ich mich über das Lob, denn Anerkennung für mein Existenz fließt sonst nur sehr spärlich. Eine Supervisorin strich mir heute sogar kurz über den Arm mit den Worten: “ich weiß, dass deine Zahlen gut sind”. Für einen Menschen, der nie berührt wird, eine sehr bedeutsame Geste.
Das Geheimnis des Erfolges liegt wohl in meiner geringen Arbeitszeit. Natürlich kann ich 3×4h in der Woche viel konzentrieter und intensiver arbeiten als 5×8h. Hätte ich eine längere Arbeitszeit würde sicher auch meine Durchschnittsleistung sinken. Und schon sind wir wieder beim leidigen Thema ARBEIT.
Arbeiten an sich, auch wenn es nicht gerade der Traumjob ist, ist ja gar nicht so schlimm. Das Schlimme sind nur die langen Arbeitszeiten. Eine 40h Woche ist mir einfach zuviel. 20 bis maximal 30h wären leicht zu verkraften, aber dann reicht das Geld wieder nicht. Dabei bin ich alles andere als ein Konsumjunkie und bin relativ genügsam, aber lohnen soll sich das Arbeiten dann doch. Gehälter auf Hartz IV Niveau, die wie eine Seuche um sich greifen, halte ich für eine Unverschämtheit. Leider bewege ich mich als Callcenter-Agent oder Bürotippse im Niedriglohnsektor. Meine Gehälter sind bei steigenden Lebenserhaltungskosten kontinuierlich gesunken. Willkommen in Absurdistan.
Aber wenigstens für heute bin ich die Heldin der Arbeit :!:
Der Beitrag wurde am Mittwoch 25. Januar 2006 um 19:43 veröffentlicht und wurde unter Oberwelt-Abenteuer abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare sind derzeit geschlossen, aber Du kannst einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
Gratulation! Auch wenn es vielleicht andere Umstände gäbe, unter denen man sich mehr freuen würde, Lob tut immer gut. Was Du machst, machst Du gut, das war schon immer so seitdem ich Dich kenne. :grin:
Das mit der lückenlosen Überwachung aller Parameter bei Euch finde ich auch fürchterlich. Und ich dachte schon, das wäre bei unserem Zeiterfassungs- und Kostenbuchungssystem sowie der Überwachung der Internet-Aufrufe und Mailverkehr schlimm…
Allein deswegen steht man doch schon permanent unter Anspannung. Ob das zu besserer Leistung führt, ist fraglich. – Ich jedenfalls habe immer einen Totalausfall, wenn mir z.B. im Lehrgang der Dozent beim Coden über die Schulter schaut – wenn er es nicht tut, bin ich immer als einer der ersten fertig mit der Aufgabe.
Diversen Studien zufolge gibt es ohnehin eine Obergrenze für die Anzahl der Stunden, die ein Mensch wirklich konzentriert und damit produktiv arbeiten kann, danach werden die Rüstzeiten (Pinkel- und Nachdenkpausen) immer höher. Sie lag wohl irgendwo bei 6 h. Aber nach dem Sinn oder dem, was gut für die Menschen wäre, fragt ohnehin keiner, immer schön die Zahlen hochschrauben.
Ich kann jedenfalls ganz sicher nicht 10 h konzentriert programmieren, irgendwann sehen dann alle Variablen gleich aus – sie fangen schließlich alle mit einem $ an. 
Ich erledige mit einer 41h-Woche auch nicht mehr Arbeit als früher in der 38,5h-Woche. (Für die es nebenbei erwähnt auch noch rund 10% mehr Geld gab, Inflation nicht eingerechnet. Wie war das gleich mit Absurdistan?)
Auch sonst kann ich – Überraschung
– nur zustimmen. Die Dauer ist das Schlimmste. Meinen Job finde ich eigentlich gut, Bezahlung auch entsprechend, Kollegen und Chefs nett – aber über 50 h die Woche (Arbeitszeit plus Fahrt- und Pausenzeiten) deswegen unterwegs zu sein macht mich fertig. Ich würde auch gerne weniger arbeiten, und mehr als ein Arzt hat mir das auch schon nahegelegt, aber ist finanziell nicht drin, jetzt durch die aktuellen Geschehnisse erst recht nicht. (Schön paradox.) Vielleicht nach der nächsten Beförderung… (Die ist weitaus realistischer als ein wohlhabender Ehemann – oder überhaupt einer, mit dem man Miete usw. teilen könnte.)
Den Traumjob der etwas anderen Art, habe ich hier gefunden:
http://heuteblog.de/2006/05/22/
Gruss
Andi