Der Strom der Zeit war schon sechs Monate lang ins Nichts gestürzt, da endlich kreuzten sich die Wege der Seelenschwestern auf den Sternenbahnen wieder und ermöglichten die erste körperlich-seelische Zusammenkunft seit wir gemeinsam die Schwelle des Jahres 2006 überschritten hatten.
Freitag 16.06.2006
Die Wettergötter hatten Erbarmen und schickten lindernde Kühle über das Land, kühl genug, um den Vormittag mit ausgiebigem Putzen zu verbringen. Noch schnell zu Lidl, Salatberge für die herbivoren Damen kaufen und dann ab in die City, Kinokarten für den Abend besorgen und den hohen Besuch am Bahnhof in Empfang nehmen.
Das perfekte Timing wollte es, dass sich just zu dieser Zeit eine massenpsychotische Verzückung im Herzen Hannovers ereignete. Flaggenumwehte Mexikaner mit riesigen Sombrerohüten tanzten einen bunten, exotischen Reigen. Die Mexikaner waren zwar laut, aber sie pöbelten nicht alkoholisiert in der Gegend rum, wie das bei deutschen Fußballfans häufig der Fall ist.
Mit fast 30 Minuten Verspätung trudelte der ICE aus Düsseldorf ein und endlich konnte ich Raven wieder in die Arme schließen.
Im Moonlightshadow-Castle füllten wir unsere Mägen mit Grünfutter und Raven überreichte mir nachträglich meine Geburtstagsgeschenke: ein wunderschönes Armband aus bläulich schimmerndem Mondstein, in dem das inspirierende Licht der Göttin funkelt, ein herrliches Drachengeschöpf aus goldbesprenkeltem, bordeauxfarbenen Samt, eine Miniausgabe von Tharamir und die Subway to Sally CD “Nord Nord Ost”. Subway to Sally zeichnen sich nicht nur durch Musik aus, die tief im emotionalen Zentrum vibriert sondern vor allem durch ihre sehr einfühlsamen, aus den Seelentiefen schöpfenden Texte. Hier ein kurzes Zitat aus dem Seemannslied mit dem Fliegenden Holländer Motiv:
“Wer gießt Blut durch meine Adern?
Wer schickt Vögel übers Meer?
Ach ich harre schon so lange voll Verlangen
heimatlos und sehnsuchtschwer”

Zwischendurch rief eine verzweifelte Abiturientin an, die durch ihre schriftliche Abi-Prüfung im Bio-LK gerasselt war und in die mündliche Nachprüfung musste. Am liebsten wäre ihr gewesen, wenn ich sogleich zur Nachhilfestunde angetanzt wäre, doch ich musste die Aufgebrachte auf Montag vertrösten, genoß ich doch gerade das seltene Ereignis eines Seelenschwesternbesuches.
Um 20:00 fanden wir uns im Cinemaxx Raschplatz ein, um den dritten Teil einer meiner liebsten Filmserien zu schauen: “X-men III – Der letzte Widerstand”
In den X-men Filmen leben neben den normalen Homo sapiens Mutanten, die über besondere Kräfte verfügen. Die Normalos fürchten sich vor den Mutanten, grenzen sie aus, behandeln sie als Außenseiter. Innerhalb der Mutanten gibt es zwei Gruppen: die eine um Charles Xavier predigt Toleranz und möchte mit den Menschen in Frieden leben. Die andere Gruppe um Magneto alias Eric Lehnsherr sieht die Mutanten als Weiterentwicklung der Evolution und hält die Zeit der Normalo-Menschen für abgelaufen. Sie halten sich ganz an das Darwinistische Prinzip “Survival of the fittest”.
Ich mag die Filme so gerne, weil sie eine Parabel auf die tatsächlichen Verhältnisse in dieser Welt sind und Themen wie Konformitätsdruck, Anpassung, Anders sein, Außenseitertum und die Furcht der Gewöhnlichen vor dem Ungewöhnlichen, die Angst der Mittelmäßigen vor den Besonderen mich beschäftigen, seit meine Seele zur Erdengefangenschaft verurteilt wurde.
Keine Frage, dass ich wie ein Mutant fühle und keine Frage, dass ich auf Seite von Magento stehe, nicht nur weil mein Zorn mich auf Konfrontationskurs bringt, sondern vor allem weil Magneto ein Papa für mich ist.

Bild von www.ianmckellen.com
Diesmal hatten sich die Menschen etwas besonders Gemeines einfallen lassen: ein “Heilmittel” gegen die Mutation, das die Mutanten zu schrecklich gewöhnlichen Menschen macht, ihre Kräfte und Individualität raubt. Auch hier spaltet sich das Lager der Mutanten. Es gibt tatsächlich welche, die von dem Heilmittel Gebrauch machen möchten, um zu angepaßten Mitläufern zu werden und es gibt natürlich Mutanten, die das Heilmittel als Affront empfinden. Den perfiden Machthabern der Homo sapiens kommt das tolle Heilmittel gerade recht, läßt es sich doch herrlich als Waffe gegen die Mutanten einsetzen und so werden Waffen mit Spritzen des Heilmittels geladen.
Da X-men III als letzter Film der Serie konzipiert ist, sterben viele der Hauptdarsteller und, was noch schlimmer ist, andere werden durch das ätzende Normalo-Mach-Mittel ihrer Kräfte beraubt. Der Film hat mich daher nicht wie erwartet aufgebaut sondern sehr deprimiert. Wenn ich mir vorstelle, dass ich einer Gehirnwäsche unterzögen würde, die mich zu einem gewöhnlichen Ga-Ga-Girl macht, die sich die Schenkel mit anti-Cellulite Creme einschmiert, die neusten Schminktips aus bunten Weiberillustrierten zieht, vom Fitness-Studio in die Weight Watcher Gruppe hechtet, und sich Samstagabend in der Disco von schmierigen Türkenmachos abschleppen läßt. Es mag ja sein, dass Ga-Ga-Girls zufrieden im kleinen Käfig ihres beschränkten Horizonts vor sich hingackern. Dummheit ist ein Segen. Doch wenn ich während meiner Feldforschungen die Dumm-Wesen beobachte, erscheint mir dieser Zustand so grauenvoll, dass ich nichtmal in diese Kondition verfallen möch te, wenn ich zu blind geworden bin, sie zu erkennen.
Im Showdown des Films kämpfen die beiden Mutantengruppen gegeneinander. Die ach so guten X-men-Gefolgsleute des Toleranz und Konsens predigenden Charles Xavier besitzen doch tatsächlich die Perfidie, das “Heilmittel” gegen andere Mutanten einzusetzen. Das ist kein fairer Kampf. Dass Menschen ein solches Mittel als Waffe einsetzen ist ja noch verständlich, sie haben keine andere Wahl. Aber Mutanten sollten, wenn sie schon gegen andere Mutanten kämpfen, sich auf ihre eigenen Kräfte verlassen. Heul-Tob, es trifft Papa Magneto, und das ist viel schlimmer als wenn er umgekommen wäre.
Beeindruckend ist die wiederauferstandene Jean Grey, deren unterdrückte Kräfte als Phoenix entfesselt werden. Sie hat kein Gewissen und folgt allein ihren Trieben und Instinkten, zu dumm nur, dass sie dabei Mutanten, die sie liebt, zu Asche verfallen. Phoenix erinnert mich an meine durchdringende, innere Wut. Hätte ich ihre Kräfte, die Götter wissen, ich würde sie einsetzen und das würde der Menschheit schlecht bekommen – für die Tiere wäre es allerdings ein Segen.
Einmal mehr muss ich feststellen: Ich bin ein Misanthrop.
Nach dem deprimierenden Kinobesuch labten wir uns im “Mr. Q” an Kartoffelecken mit Sour creme, Falalfelbällchen, Mozzarelasticks und natürlich alkoholfreiem Cocktail Cherry Kiss.
Samstag 17.06.2006
Nach dem Frühstück fuhren wir in die City und suchten die TAO-Buchhandlung auf. Raven kaufte sich ein Buch und ich eine Karte mit Eisbären. In einem Fantasyladen erstand Raven ein durch seine Schlichtheit bestechendes Pentagramm und schließlich ließen wir in der Eisdiele am Bahnhof kühle Creme auf der Zunge zergehen.
Die kühle Witterung hatte den Nachteil, dass ich es der stenothermen Raven nicht zumuten konnte, sich bei diesen, von ihrem Optimum weit entfernten, Temperaturen in den Maschsee zu stürzen. So mussten wir Plan B ausführen und ins AquaLaatzium pilgern. Dort bekamen wir am Nachmittag den Überbevölkerungsschock. Am Eingang zappelte eine lange Schlange aus lärmenden Mini-Plagen, die uns in die Flucht schlugen.
Wir beschlossen, am Abend zurückzukehren, wenn die tagaktiven Kinderchen in die Heia mussten. Abends war es tatsächlich leerer und erträglicher, aber Waldamen lassen sich nunmal nicht gerne in kleine Becken einsperren und so war der Planschgenuß nicht zu vergleichen mit dem offener Gewässer.
Abends ließen wir uns einmal mehr von den diffusen Aussagen der Tarortkarten ärgern. Wir können es einfach nicht lassen.
Sonntag 18.06.2006
Nach dem ausgiebigen Frühstück hatten wir noch reichlich Zeit für Konversation über den Unsinn des Daseins, bis ich Raven gegen 15:00 zum Bahnhof brachte, schnief.
Abschied induziert in mir immer das schreckliche Gefühl verlassen und der bösen Welt allein ausgeliefert zu werden. Es ist so seltsam, für einen flüchtigen Augenblick war Raven da und schon ist sie wieder in die Ferne verschwunden. Das ist doch alles total doof. Die ganze Existenz ist eine einzige große Verarschung und dafür würde ich am liebsten jeden Gott einzeln den erleuchteten Hals umdrehen.
Der Beitrag wurde am Donnerstag 22. Juni 2006 um 19:05 veröffentlicht und wurde unter Oberwelt-Abenteuer abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare sind derzeit geschlossen, aber Du kannst einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
Na, so wird aber kein echtes Ga-Ga-Girl aus Dir, denn Du hast die wichtigste Verhaltensregel vergessen: Um jeden Preis ein Auffallen vermeiden, in dem Du den Mode- und Lifestyletrends der Masse hinterherhechtest, und immer schön hirnverbrannt kichern und tuscheln, wenn Dir ein Mensch begegnet, der aus irgendeinem Grund anders ist als Du!
(Wer sich übrigens fragt, woher der Ausdruck Ga-Ga-Girl bzw. -Boy stammt, sehe sich bitte das Musical “We Will Rock You” in Köln an.)
Was X-Men betrifft: Wo war eigentlich Nightcrawler? :sad:
Ich fand den Film nicht sooo deprimierend, aber die X-Men waren schon ziemlich unfair. Und so viele ans Herz gewachsene Charaktere sind nun tot oder gewöhnliche Menschen. :cry:
X-Men fallen bei mir in die gleiche Sparte wie Harry Potter und der Telepathen-Aspekt in B5, die zur Andersartigkeit ermutigen – da aber meist mit der Botschaft, auch die Normalen zu akzeptieren.
Schade, dass Andersartigkeit in der normalen Welt fast nur Nachteile bringt. Ich würde zwar nicht alle Menschen pulverisieren, dafür bin ich nicht misanthrop genug, aber einige schon (Tier- und Menschenquäler) und dem großen Rest einen Schrecken einjagen, den sie nie mehr vergessen. :twisted:
Die interessantesten Eigenschaften haben für mich Storm, Nightcrawler, Magneto, Mystique und Grey bzw. Phönix – letztere allerdings finde selbst ich zu gruselig.
Ein wenig Bedenken habe ich schon hinsichtlich des Armbandes, von dem ich auch eines besitze: Noch mehr Inspirition und Kreativität durch Mondstein, und uns platzt vermutlich der Kopf.;)
Irgendwann schaffen wir es hoffentlich doch einmal zum Baden in ein natürliches Gewässer, wo man nicht alle halbe Meter mit jemandem zusammenstößt und etwas mehr Ruhe hat.
Auf jeden Fall sollte bis zum nächsten Besuch nicht wieder ein halbes Jahr ins Land gehen. Wenn nur endlich jemand mal den Transporter erfinden könnte! Bei den Wucher-Bahnpreisen und den zusätzlichen Kosten für die Katzenpension sind solche Besuche ein Luxus, den auch ich mir nicht oft leisten kann.
Auch wenn ich mir an jenem Wochenende eine kleine Engelsstatue aus Fluorid gegönnt habe, bin ich auf Götter & Co derzeit auch nicht sonderlich gut zu sprechen, weshalb ich mich schon seit langer Zeit nicht mehr an sie gewandt habe.
Jenes Buch aus der Tao-Buchhandlung hat mich zusätzlich deprimiert, auch wenn ich erst am Anfang bin. Scheinbar gibt es keine Hoffnung…
Das ist eigentlich das Schlimmste, den Glauben und die Hoffnung zu verlieren. :sad:
Schluck, ich muss dringend einen Kurs belegen: Wie werde ich ein Gaga-Girl, sonst ist alle Hoffnung für mich verloren. :mrgreen:
Ich wußte gar nicht, dass Du Nightcrawler so gerne magst. Phoenix fand ich klasse, ich möchte auch so gruselig sein und bekloppte Fußball-Pöbler in Asche verwandeln. Ja ich weiß, ich bin ganz böse und ein schlimmer Misanthrop. Ja woher das nur kommt ….. :sad:
Ich erhoffe mir ja vom Mondstein mehr spirituelle Intuition bzw. lucide Träume. Na ja klappt nicht so ganz. Meine Träume spiegeln nach wie vor meine verlorene Seele wieder. Nichtmal meine Träume spenden mir Trost. :cry:
Was die offenen Gewässer betrifft, so planen wir ja jetzt die Ostseereise. Ich werde mich mal nach einem schönen Strand mit Ferienwohnung umsehen.
Von irgendwelchen Göttern erwarte ich auch nichts mehr, entweder es gibt sie gar nicht oder sie scheren sich einen Dreck um uns, spuken mir ihren Spott ins Gesicht. Das Buch ist wirklich deprimierend, einmal versäumt – immer verloren. Es gibt keinen Ausweg. Das Leben ist eine Tragödie, wobei ich ja meine Höllen-Theorie favorisiere, deshalb ist mir auch immer so heiß. :twisted:
O je, Persephone, nach deinem Eintrag über deinen Burn-Out wollte ich dich schon fragen, ob du nicht ein paar Tage nach München kommen möchtest, zum ratschen und zum erholen – Ablenkung soll ja sehr gut sein – aber ein Glück, dass ich diese letzten Einträge noch gelesen habe. Hier ist es schon sehr warm, auch der Regen bringt nur kurzfristig Abkühlung, und alle prophezeihen einen Jahrhundert-Sommer. Das kann ja heiter werden, selbst für mich, obwohl ich normalerweise Helligkeit und Sonne liebe und sie mich immer aufmuntern, wenn ich deprimiert bin. (Na ja, bin nicht umsonst aus Italien.) :grin:
Vielleicht überlegst du’s dir mal zum nächsten Winter, Weihnachtsmärkte besuchen o.ä…
@Amalthea:
Herzlichen Dank für Deine Einladung nach München. Das ist natürlich furchtbar weit weg und lange Reisen sind nur schwer zu organisieren, da ich keinen Catsitter habe – und meinen alten Kater nicht gerne alleine lasse, zumal in einigen Wochen eine kleine Katzendame meine Familie bereichern wird.
Weihnachtsmarkt klingt tatsächlich viel verlockender als Sommer unter Föhn-Einfluss. Wenn schon verreisen, dann zieht es mich eher an meine geliebte Ostsee. Als Waldame finde ich im Meer meine natürlich Heimat. Aber wer hat schon mal einen Wal im Gebirge gesehen? :razz: