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Last des Sprechens

14. Dezember 2006

Wie bereits im Artikel Mehrarbeit beschrieben, hatte ich im Sommer meine wöchentliche Arbeitszeit im Callcenter von 12h auf 20h erhöht. 20h erschienen mir für einen Job, der meiner extrem introvertierten und schweigsamen Natur diametral entgegenläuft noch erträglich zu sein.
Ab und zu ein paar Überstunden schieben ist bei einer Basis von 20h natürlich auch kein Problem. So dachte ich mir nichts dabei als mein Plan für die Kalenderwoche 40 fünf Arbeitstage mit 26h Arbeitsstunden vorsah. Unter anderem musste ich am Feiertag (03.Oktober) 4h arbeiten. Nun ja, das konnte ich verkraften.
Die Woche drauf wartete abermals mit fünf Arbeitstagen zu je 5h auf, wie ich anfangs dachte. Doch Dienstagmorgen erhielt ich vom Arbeitsplan-Koordinator eine e-mail mit der Frage, wieso ich denn Montag schon um 13:00 gegangen sei, ich hätte doch bis 14:00 arbeiten müssen. Hä, was will der denn von mir, dachte ich erst, aber natürlich hatte er Recht, ich hatte das Balkendiagramm falsch gelesen und musste tatsächlich jeden Tag 6h Dienst schieben, also eine 30h Woche. Begründet wurde die Mehrarbeit mit Krankheitsfällen. Null problemo, dachte ich, das kann vorkommen, die Woche kriege ich schon rum. Nächste Woche wird der Plan bestimmt wieder normal sein. Doch als ich Donnerstag meinen Plan für die KW 42 in den Händen hielt, traf mich der Schlag. Nicht nur, dass ich wieder von Mo-Fr 30h arbeiten soll, das wäre ja noch in Ordnung. Nein, ich soll dazu auch noch Sonntag 9h am Stück Dienst schieben! Eine 6-Tage Woche mit einer 9h Stunden Schicht. HHHHIIIIIILLLLFFFEEE
Wegen des geringen Callaufkommens habe ich diese Sonntagschicht ohne misanthropische Hassattacke überlebt.

Vielleicht mag es einem 40h und mehr Workaholic lächerlich erscheinen, dass ich mich über 30 Wochenstunden aufrege. Schlimm ist ja gar nicht die Arbeitszeit an sich, sondern die Arbeitszeit in Anbetracht der Art der Arbeit: Callcenter Kundendienst im Akkord.
Wie heißt es schön in der Medizin: ab einer bestimmten Dosis wird jedes Heilmittel zum Gift. So ist es auch mit diesem Job, in einer 20h/Woche Dosis kann ich ihn gut vertragen, aber ab 30h wird der Job zum Gift. Hier merke ich mein psychisches Handycap, meine Dysthemie und damit verbundenen niedrigen Lebensenergiepegel, meine Menschenscheu.
30h Schreiben und/oder rechnen wären dagegen kein Problem.
Am Freitag den 13. Oktober war ich ziemlich am Ende. Ich wollte nicht mehr reden, wollte mich nicht mehr melden, wollte einfach nur meine Ruhe haben, mich nicht mehr mit “Geiz-ist-geil-”Kunden herumärgern müssen. Mit anderen Worten: ich hatte einen Kommunikationskoller.
Ich kann jeden Autisten verstehen, der mündliche Kommunikation verweigert und sich allenfalls schriftlich ausdrückt, weil ihm das alles zu viel ist.
Zu meinem Unglück leben wir in einer kommunikationsgeilen Welt, je flüchtiger und schneller desto besser. Dabei bin ich doch arbeitsmäßig am zufriedensten, wenn ich in Ruhe vor mich hinschreiben kann und mit niemanden sprechen muss. Ich bin immer wieder erstaunt über das Mitteilungsbedürfnis einiger meiner Kollegen. Nun ja, ein Mitteilungsbedürfnis habe ich auch, sonst würde ich keinen Blog besitzen, doch etwas lange zu erzählen, kriege ich niemals hin – lange Texte schreiben ist dagegen ganz leicht ;-)
Paradoxerweise halten mich meine Arbeitgeber wegen meiner Effizienz ja so gut für diesen Job befähigt, dabei ist die Effizienz ein Ergebnis meiner Kommunikationsverweigerung. Ich verweigere jeglichen Smalltalk und ich verkehre mit Kunden nicht auf emotionaler Ebene sondern lediglich auf Sachebene. Ich führe das Gespräch und falle den Leuten ins Wort, wenn sie anfangen, mich mit redundanter Information vollzuquatschen. Ich komme mir dabei vor wie die Borg 7of9 aus Star Trek Voyager. Es würde mir im Traum nicht einfallen wie meine Sitznachbarn mit Kunden zu scherzen oder Schwätzchen zu halten.

Die 30h Woche ist mittlerweile zur Dauereinrichtung geworden. Kollegen mit 30h Verträgen arbeiten selbstverständlich 40-45h oder gar mehr in der Woche. Das Paradoxe ist, dass andererseits keine Mitarbeiter mit 40h Verträgen eingestellt werden, für die 40h ja selbstverstänlich wären, denn es könnte ja sein, dass das Callaufkommen schrumpft und man dann den Leuten ihre 40h bezahlen muss, obwohl man sie nicht braucht. In der Praxis dürfte das kaum vorkommen, aber die Firmenleitung sorgt offenbar lieber vor. Ich finde es eine Unverschämtheit Dauerüberstunden anzuordnen und nichts dagegen zu unternehmen. Wenn jemand wie ich einen 20h Vertrag möchte, dann hat es doch einen Grund, warum ich nur 20h arbeiten möchte und eben nicht 30h oder 40h. Es gibt schließlich noch ein Leben jenseits des Callcenters, welches geplant und vollzogen werden will. Das Callcenter nimmt mittlerweile eine Raumfülle ein, die ich ihm niemals zugestehen wollte. Es wurden zwar neue Mitarbeiter eingestellt und im Januar kommen nochmal welche, dennoch sei mit einer Rückkehr zu geringerer Arbeitszeit nicht zu rechnen, da das Callaufkommen sicher weiter steigen würde, heißt es von der Einsatzplanung.

Letzte Woche erreichte die Belastung eine neue Dimension. Bisher hatte ich immer auf der Serviceline für Privatkunden deutsch und englisch telefoniert. Nun wurde mir zusätzlich die Tradeline für Reisebüros aufgehalst, was bedeutet, dass ich gar keine ruhige Minute mehr habe und ich mich neben den nervigen Sekretärinnen und Privatkunden nun auch noch mit aufgeblasenen Reisebüroweibern herumärgern darf. Diese KW 49 hat mich total ausgelaugt. Ich empfinde Anrufer als Heuschrecken, die über mich herfallen und an mir nagen. Energievampire, die das bißchen Lebenskraft aussaugen, das ich noch habe.
Dieser Zwang zur Kommunikation ist mir eine Qual. Es ist alles so absurd: je kommunikationsgeiler die Menschen werden, desto minderwertiger wird die Kommunikation.
Diese Woche habe ich frei, doch noch nie hat es mir so sehr vor dem Arbeitsbeginn in diesem Callcenter gegraut wie zur Zeit. Früher bin ich gerne hingegangen, mittlerweile hasse ich den Job. Es ist sogar soweit gekommen, dass ich mir überlege, mir eine andere 20h Stelle zu suchen. Da Bewerben und Arbeitsplatzsuche auf meiner Liste der Oberwelt-Scheußlichkeiten an erster Stelle steht, kann man ermessen, wie sehr mich die Callcenter-Schichten mittlerweile belasten.
Hoffnung eine neue, geeignete Stelle zu finden, bei der ich wenig sprechen muss, habe ich indess nicht. Der erste Blick auf den Jobseiten im www zwingt zu pessimistischer Prognose.

Mein mit der erhöhten Arbeitszeit verknüpftes höheres Einkommen hatte weitere Auswirkungen. Es führte dazu, dass mir das Arbeitsamt zu viel Geld gezahlt hat, da die Arbeitsamtleitung für einen Monat im Vorraus bezahlt wird, während ich die Höhe meines Monatslohns natürlich erst nach Ablauf des selben Monats kenne. Ich schicke die Lohnzettel immer ans Amt und die Höhe meines Alg II wurde bereits zweimal nach unten korrigiert. Dennoch ist es zu einer deutlichen Überzahlung gekommen, wie mir in einem netten Schreiben mitgeteilt wurde. Die ganze Sache ist an sich ja nicht so schlimm und liegt in der Natur der Berechnungsprozedur begründet.Die überzahlten Beträge werden einfach ratenweise von der Leistungszahlung der nächsten Monate wieder abgezogen.
Doch wenn man das bedrohlich aufgeplusterte Schreiben des Arbeitsamtes so liest, wird einem das Gefühl vermittelt als sein man ein böser Betrüger, der sich Leistungen erschlichen hat und wie ein Angeklagter Gelegenheit erhalten soll, sich zu dem Sachverhalt zu äußern.
Das Drohschreiben fand ich am 12. Dezember in meinem Briefkasten, nachdem ich von einem angenehm kurzen Besuch im Jobcenter zurückgekehrt war. Ich musste nämlich meinen Fortsetzungsantrag abgeben und war angenehm überrascht, dass ich die Unterlagen bei der Empfangsdame lassen konnte und mich nicht mit Nummernzettelchen in die Warteschlange setzen musste. Wie üblich folgt dem Licht der Schatten.
Nun ja mittlerweile bin auch ich als Unterwelt-Kreatur erfahren genug im Umgang mit Oberwelt-Ämtern, dass ich mich von aufgebauschten Schreiben nicht verängstigen lassen.
Ein Kugelfisch bleibt ein Kugelfisch, egal wie dick er sich aufpumpt!

Der Beitrag wurde am Donnerstag 14. Dezember 2006 um 21:15 veröffentlicht und wurde unter Persephones Perspektive abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare sind derzeit geschlossen, aber Du kannst einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

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