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Ein Königreich für eine Perücke

1. August 2007

Die psychisch belastenste Folge einer Chemotherapie ist der Haarausfall. Als ich die Krebsdiagnose erhielt galt meine erste Frage und die ersten Tränen diesem Haarausfall. Jeder bereitet irgendwann seinen Abgang von der Weltenbühne vor, doch diesen letzten Akt ohne Zierde auf dem venusischen Haupt vornehmen zu müssen, stellt eine erhebliche Belastung dar. Da nutzen die tröstenden Stimmen aus der Umgebung wenig, die darauf hinweisen, dass die Haare nach Absetzen der Giftinfusionen wieder nachwachsen. Bis meine Haare wieder ihre jetztige Länge erreichen, werden viele Jahre vergehen, Jahre, die ich vermutlich nicht mehr habe, aber der Umstand meiner reduzierten Lebenserwartung wird von Angehörigen gerne verdrängt. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass ich mit viel zu kurzen Haaren im Sarg liege – und als E-Typ 4 möchte ich doch auch bei der allerletzten Szene meiner tragischen Life-Opera eine gute Figur machen.
Meiner weiblichen Drüsen und Organe beraubt, paßt es gut zur Tragödie, dass nun auch noch das weibliche Ziergewächs von meinem Kopf flieht und ich innerlich wie äußerlich als ein Neutrum zurückbleibe. Die Venus ist die Verliererin dieser Inkarnation.

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Bild aufgenommen am 22.07., 10 Tage nach der ersten Chemo, noch sind alle Haare dran.

Es hat begonnen.
2,5 Wochen nach der ersten Zytostatika-Flutung meiner Venen hat der Haarausfall begonnen. Als ich am Samstag das Wasser aus der Badewanne abließ, hatte ich einen dicken Haarbüschel darin zurückgelassen. Auch auf den Kopfkissen finden sich immer mehr Haarbüschel. Die meisten gelösten Haare verfangen sich jedoch in meinem noch vorhandenen Haar und verklaubt sich an den Spitzen zu aufgebauschten Büscheln, die ich herausziehen kann. Noch haben sich keine kahlen Stellen auf meinem Kopf gebildet. Haarausfall werde erst sichtbar, wenn 50% der Haare verloren gegangen sind, habe ich irgendwo im Internet gelesen.
Das schlimmste ist der Prozess des Haarausfalls. Ich muss Abschied von meinen Haaren nehmen und Abschiednehmen tut immer weh. Wer immer kurze Haare hatte, wird den Horror wohl nicht nachvollziehen können. Die Diskrepanz zwischen kurzen Haaren und Glatze ist nicht so krass wie zwischen langen Haaren und Glatze. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein soll, wenn nun keine Haare mehr über meinen Ohren an der Seite runterhängen, wenn es keine Haare mehr gibt, die ich mit den Fingern aufdrehen kann, die ich zur Seite tun muss, wenn ich mich anziehe, die ich aus dem Gesicht streichen muss usf.
Mit bitteren Tränen trage ich meine Haare zu Grabe, sie gehen mir in den Tod voraus. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem ich die Agonie nicht mehr mitansehen kann und Sterbehilfe leisten werde. Sobald meine Haare so ausgedünnt sind, dass kahle Stellen auftreten, werde ich mich unter die Schermaschine meiner Schwägerin setzen.
Ich hatte ja schon davon gelesen, doch irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich auch davon betroffen sein würde. Ich dachte, das passiert bestimmt nur bei Leuten, die eine Hochdosis-Chemotherapie bekommen, aber nein, auch mir fallen die Augenbrauen und Schamhaare aus. Noch ist der Ausfall nicht komplett, aber ein Augenbrauenstift liegt schon bereit. Glatze, keine Augenbraue mehr, eventuell auch keine Wimpern mehr, dann werde ich wirklich ein Alien aussehen. Hm, ich fühle ja zeitlebens wie eine Alien auf diesem Erdenrund, ob ich wohl jetzt zum natürlichen Aussehen meiner Spezies metamorphoriere? Chrysalis?

Natürlich habe ich mich auf die Kahlköpfigkeit vorbereitet, mich mit Tüchern, Turbanen und einer Perrücke ausgerüstet, die meine craniale Nacktheit schamhaft bedecken sollen.
Bei der Entlassung aus der onkologischen Station nach dem ersten Chemotherapie-Zyklus wurde mir ein Rezept für eine Perücke wegen chemotherapiebedingter Alopezie ausgehändigt. Wie das im herumreformierten Gesundheitssystem nunmal ist, zahlt die Krankenkasse nur einen festen Betrag, der sich von Kasse zu Kasse unterscheidet, zur Perücke dazu. Im Falle meiner BKK Essanelle sind das 200 €. Mir war klar, dass die Kosten für eine Langhaar-Perrücke damit nicht gedeckt werden können. Ich rechnete mir einem Preis von ca. 400 €, bis ich eines besseren belehrt wurde.

Am Dienstag, 24.07.2007, fuhr ich mit meiner Mutter und meiner Schwägerin nach Darmstadt in einen Friseursalon, der auch Perücken für Chemo-Patienten verkauft.
In dem edlen Salon nahmen wir zunächst auf dem Sofa Platz, bevor nach oben auf die Galerie geleitet wurden, wo man diskret Perücken anprobieren konnte. Ich äußerte meinen Wunsch nach einer schwarzen Langhaar-Perücke. Die Friseuse musste passen, sie habe nur Kurzhaar-Perücken vorrätig, denn offenbar gaben sich die meisten Kunden mit einer kurz geschorenen Zweitfrisur zufrieden. Schwarze lange Haare, das schien ein Problem zu sein, aber sie wolle versuchen, dergestaltete Modelle zu besorgen. Nach dem zu erwartenden Preis gefragt, verfiel ich in eine Schreckstarre: etwas über 800 €.
Wie bitte? Das ist ja ein Vermögen, da kann ich mir ja ein Königreich von kaufen.
Gleichzeitig beging die Dame den Fauxpax, mir eine Nicht-Empfehlung für schwarze Haare aussprechen zu wollen, da dies ja so hart zu meinem Gesicht sei – grrr. Ich fauchte die Friseur-Tussi an, wie kann sie es wagen, meinen Wunsch in Frage zu stellen!
An dieser Stelle sei erwähnt, dass der Arztbrief aus dem Bethanien-Krankenhaus bei meiner Aufnahmeuntersuchung sogar protokolliert, ich habe ein blasse Haut. Blasse Haut und schwarze Haare, so gehört sich das für eine Gothic-Lady.
Dieser Friseursalon war eigentlich für mich erledigt, aber meine Mutter und Schwägerin ließen sich trotzdem auf den Deal ein, am Donnerstag zu einer unverbindlichen Anprobe der bis dahin besorgten Perücken zu erscheinen.
Draußen fing ich an zu heulen, es konnte doch nicht so schwer, die gewünschten Ersatzhaare zu besorgen. Lieber würde ich sterben als eine dämliche Kurzhaar-Perücke aufzusetzen. Ich hatte mein Leben lang lange Haare und das soll nun während des Exkarnationsprozesses auch nicht anders sein.
Nach diesem Reinfall zogen wir weiter zum Luisencenter. Meine Schwägerin wollte mit mir in einen Laden gehen, in dem es Baumwolltücher in reicher Farbauswahl zu kaufen gab. Doch den Laden gab es nicht mehr.
So fuhr ich gefrustet ohne Perücke und ohne Kopftuch nach Hause.

Den Mittwoch verbrachte ich mit Internet-Recherche nach Perücken. Siehe da, es gab viele Perücken-online-shops, die auch Service für Chemo-Patienten anboten. So konnte man sich drei bis fünf Perücken zur Anprobe nach Hause schicken lassen. Auch lange schwarze Haare waren im Angebot zu einem guten Preis um die 300 €. Falls das am Donnerstag nichts werden sollte, und davon ging ich aus, wollte ich auf das Internet-Angebot zurückgreifen und wählte dazu ein Angebot aus, in dem es nur Langhaar-Perücken gab.
Während der Überlegungen, wo es noch Perücken gäbe, fiel uns auch die Firma Lofty ein, bei der meine Oma immer ihren seltsam scheußlichen Haarersatz besorgt hatte, da sie unter sehr dünnem Haar litt. Lofty hatte passenderweise auch eine Filiale in Darmstadt, die sogar auf dem Weg lag. Der online-Katalog bot zwar nur eine dürftige Auswahl an Langhaar-Perücken, letztlich fand ich nur das Modell Arabella (Katalog Seite 20), welches überhaupt in Frage kam, dennoch wollte ich den Laden schon wegen der günstigen Preise einmal ausprobieren.

Donnerstagnachmittag, 26.07.2007, ging es dann zunächst zu Lofty. Oh Wunder, Modell Arabella war sogar in der gewünschten Farbe vorrätig. Die Verkäuferin stülpte mir das Ding über den Kopf. Ich hatte das Gefühl einen Helm auf zu haben. Das Ding war schwer, kratzig, viel zu aufgebauscht, wirkte unnatürlich und stand mir überhaupt nicht. Am schlimmsten war, dass die Perücke so geknüpft war, dass mir ständig Haare auf der Stirn lagen – und das kann ich überhaupt nicht ertragen. Ich hatte nie ein Pony, meine Denker-Stirn muss immer frei sein. Kaum war Arabella durchgefallen, setzte mir die Verkäuferin ein anderes Zottelmodell auf den Kopf, das ich mir sofort wieder herunterzog. Nein, im häßlichen Lofty-Senioren-Look wollte ich nicht herumlaufen. Dennoch ließ ich etwas Geld in dem Laden im Tausch gegen einen blauen und einen bordeauxroten Nicki-Turban. Die Turbane allein finde ich ziemlich omahaft, aber mit einem dünnen Tuch verfeinert, sehen die richtig gut aus. Unterwegs zum Friseur fand sich sogar ein Laden, der ein passendes türkises Tuch zu meinem blauen Turban hatte – nebenbei erstand ich noch einen Spinnen-Nasenstecker.
Im Friseur-Salon wurden wir diesmal vom Chef persönlich betreut. Ein sympathischer Mann mit blondierten Haaren aus der Sparte schwuler Friseur. Na ja, ob er schwul ist weiß ich natürlich nicht, er hat sich nicht tuntig benommen, aber zumindest tat er einen auf Frauenversteher.
Wie die Lofty-Dame zuvor stülpte er mir eine Perücke über den Kopf – und siehe da, sie saß perfekt, sie gefiel, sie stand mir gut und war genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte: schwarz, lang und dabei schlicht herunterhängend ohne so einen verkrotzenden Schnitt, den viele Perücken haben. Es war Liebe auf den ersten Blick. Er hatte noch ein zweites Modell als Alternative im Angebot. Auch das war hübsch, konnte es jedoch mit meinem Liebhaberstück nicht aufnehmen. Gegen alle Vernunft entschied ich mich für die schöne Haarpracht. Die venusische Eitelkeit hatte gesiegt. Meine Mutter wollte die Hälfte der Kosten übernehmen. Da wir über die 800 € jammerten, machte uns der Friseur glauben, er sei ein großer Menschenfreund mit Herz für Chemo-Patientinnen und überlasse uns das gute Stück zum Selbstkostenpreis von nur 690 €. Er verdiene gar nichts daran und auch im Internet würde ich für diese Qualität nichts günstigeres finden. In seiner unendlichen Großzügigkeit bot er uns an, den Preis in zwei Raten zu bezahlen und schenkte mir sogar Pflegeprodukte und eine Bürste im Wert von ca. 50 €.

Ein paar Tage später suchte ich nach dem teuer erstandenen Modell Robin der Kollektion Noriko im Internet.
Der nette, selbstlose Friseur hat uns sowas von verarscht. In einem FancyHair-Katalog (Seite 29, Abbildung nicht in schwarz) fand ich eben dieses Modell zum sensationellen Preis von 225 €. Hätte ich 100 € mehr bezahlt, würde ich mich nicht ärgern. Es ist klar, dass ein Ladengeschäft mit Beratung teurer ist als ein online-Shop. Aber das mir
465 € mehr abgeknöpft wurden und mir das auch noch als uneigennützige Samariter-Tat verkauft wurde, finde ich den Gipfel der Unverschämtheit. Da wird man als schwerkranker Mensch mit sehr bescheidenen finanziellen Mitteln in seiner Seelennot über den Haarverlust auch noch abgezockt.
Ende September müssen wir nochmal hin, um die zweite Rate zu bezahlen. Dann werden wir den guten Herrn mit dem Recherche-Ergebniss konfrontieren.

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Bild mit Perücke aufgenommen am 29.07., unten drunter sind noch meine echten Haare.

Da ich nicht immer mit Perücke herumlaufen will, habe ich Baumwolltücher in den Farben: schwarz, petrol, violett, smaragdgrün und bordeauxrot bei dem eBay-Händler Kiels-art für nur 2,60 € je Stück gekauft. Dazu hat Raven mir noch drei Tücher genäht: bordeauxroter Taft, blauer Samt und rosaroter Chiffon mit Muster und Glitzerfaden.

Viele Haare habe ich schon verloren, aber es sind auch noch viele Haare dran. Das dumme ist nur, dass mein Haar zunehmend verfilzt, weil sich die ausgefallenen Haare im Resthaar verfangen. Heute habe ich mir noch einmal die Haare gewaschen, jetzt sind sie zwar wieder frisch aber hoffnungslos verfilzt. Wahrscheinlich mache im Samstag kurzen Prozess und setze mich unter die Schermaschine. Ich bin zwigespalten. Einerseits ist dieses Haareausfallen nicht länger zu ertragen, die Haare werden immer dünner und sehen wegen der Verfilzung ungepflegt und verkrotzt aus, andererseits bringe ich es kaum übers Herz das, was mir noch geblieben ist, einfach abzuschneiden. Wegen meiner verkürzten Lebenserwartung muss ich damit rechnen, dass es ein Abschied für immer sein wird. Es tut so weh. Der Haarverlust ist viel schlimmer, als sterben zu müssen, denn sterben gehört zum Leben. Kahlköpfigkeit gehört zu einer seelenlosen Medizin.

Der Beitrag wurde am Mittwoch 1. August 2007 um 11:01 veröffentlicht und wurde unter Seelenleben abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare sind derzeit geschlossen, aber Du kannst einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

2 Kommentare

  • RavenRaven sagt:

    Ich glaube nicht, dass Du übermäßig eitel bist – als ich mal wieder Verdacht auf Krebs hatte, galt mein erster Gedanke auch den Haaren, nicht dem Gedanken an den Tod. Sie sind eines der ganz wenigen Dinge, die ich an mir mag. Wenn ich mir vorstelle, sie wären nicht mehr da…
    Die Krankheit verkürzt nicht nur die Lebenserwartung, sie nimmt einem Weiblichkeit und Schönheit, sie entstellt und macht nackt und verwundbar.

    Ich verstehe nicht, warum das nicht in die Köpfe der Leute geht, wie belastend und traurig das ist.
    Ich hatte sowohl extrem kurze (3 cm) als auch extrem lange (fast 1 m) Haare in meinem Leben. Wenn man kurze hat, ist es kein großer Verlust – innerhalb von wenigen Monaten sieht man wieder aus wie vorher. Aber schon schulterlange Haare brauchen Jahre.
    Auch wenn es gut läuft und Du die sogar noch hast, wenn wieder Metastasen gefunden werden geht das Ganze von vorne los.

    Ich finde das schlimm. :cry:

    Der Abzocker-Friseur ist ja das Allerletzte. :evil:

    Aber die Perücke sieht gut aus. :grin:

  • PersephonePersephone sagt:

    Gerade bei Deinen wunderschönen langen und dicken Haaren wäre der Haarverlust eine Katastrophe. Fast bin ich froh, dass mir die Haare ausgehen und nicht Dir, weil ich weiß, wie fertig Dich das machen würde und das würde mich wiederrum fertig machen.
    Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie ich im Moment aussehe. Meine Haare sind hoffnungslos verfilzt und stehen mir zu Berge, weil die ausfallenden Haaren sich ineinander verfangen und im noch hängenden Haar kleben bleiben. Ich habe gar keine andere Wahl als mir die Filzplatten abzuschneiden. Vorher werde ich sie aber fotografieren lassen, weil es so bizarr aussieht.
    Gerade wegen dem Haarverlust habe ich im Moment das Bedürfnis mich schön zu machen und habe mir Augenbrauenstift, Kajal und Lippenstift gekauft. Es gibt sogar Schminkkurse für krebskranke Frauen, da man mittlerweile begriffen hat, wie wichtig es ist, dass die Frauen sich hübsch und wohl in ihrem Körper fühlen.
    Ja ich fände es auch schlimm, wenn die Haare gerade wieder nachwachsen und dann gibt es ein Rezidiv und die nächste Chemo geht los :cry:
    Die verwundbare Nacktheit kann ich mit der Perücke zum Glück ganz gut kaschieren und glücklicherweise sehe ich auch nicht ausgemergelt und krank aus, hat eben seinen Vorteil eine üppige Lady zu sein :mrgreen:

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